Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Februar 6. 7.) 39
Mitarbeiter, hat Graf Caprivi auch in der Zurückgezogenheit während
seiner Inaktivität es verstanden, sich die Anerkennung und Dankbarkeit
seines Königs und Kaisers zu erwerben.
Wilhelm I. R.
6. Februar. (Koburg-Gotha.) Der Erbprinz von Sachsen-Koburg-Gotha
in Meran, 24 Jahre alt, verstorben.
7. Februar. (Württemberg.) Der „Staats-Anzeiger“ veröffentlicht
den Finanzetat für 1899 und 1900.
Danach beträgt der Staatsbedarf für 1899 80489494 (+ 6421478) M,.
für 1900 81094064 (+ 7026048) M Von den Ausgaben entfallen
28,3 Prozent auf Leistungen an das Reich, 24.4 Prozent auf die Staatsschuld,
15,5 Prozent auf Kirchen= und Schulwesen, 11,6 Prozent auf die
Verwaltung des Innern, 5.3 Prozent auf die Justizverwaltung und
5,1 Prozent auf die Finanzverwaltung. Von den Einnahmen kommen
28½ Millionen auf die Erträgnisse der Domänen, Forsten, Salinen und
Eisenbahnen (Kammergut); 33 Millionen auf die Steuern, 19 Millionen
auf Ueberweisungen aus dem Reich. Aus der allgemeinen Verwaltung des
Jahres 1896 und 1897 ist ein verfügbarer Ueberschuß von 9932928 M
verblieben. Derselbe wird ganz zur Befriedigung außerordentlicher Bedürfnisse
verwendet, und zwar 1 Million als Darlehen an landwirtschaftliche
Genossenschaften, der Rest je zur Hälfte für Eisenbahnzwecke und für
außerordentliche Bedürfnisse der übrigen Staatsverwaltungen. Sämtlichen
Mehrausgaben kann ohne Erhöhung der bestehenden Steuersätze entsprochen
werden.
7. Februar. Der Bayerische Landtag tritt zu einer
außerordentlichen Session zur Beratung der neuen Steuergesetze
zusammen.
7. Februar. (Reichstag.) Nachruf auf Caprivi. Erste
Beratung der Bankvorlage.
Präsident Graf Ballestrem eröffnet die Sitzung mit folgendem
Nachruf: Meine Herren! Ehe wir in die Tagesordnung eintreten, habe
ich dem Hause eine Trauerbotschaft mitzuteilen. (Die Mitglieder des Reichstages,
auch die anwesenden Sozialdemokraten, erheben sich.) Gestern in
den Abendstunden ging mir folgendes Telegramm zu: „Dem Präsidenten
des Reichstages Grafen Ballestrem. Euer Hochgeboren zeige ich hierdurch
an, daß mein Onkel, der ehemalige Reichskanzler Graf Caprivi, heute morgen
10 Uhr sanft entschlafen ist. Die Beerdigung findet Donnerstag, 9. Februar,
um 1 Uhr, in Skyren statt. Landrat v. Lamprecht.“ Meine Herren, so
wäre wenige Wochen nach dem Heimgange seines großen Amtsvorgängers
auch der zweite Kanzler des Deutschen Reiches von Gott aus dieser Zeitlichkeit
abberufen worden. Meine Herren, der Reichskanzler Graf Caprivi
hat gewiß nicht an die Größe seines berühmten Vorgängers herangereicht,
aber auch er war ein Mann, der Deutschlands Wohl gefördert hat, und
dem es auch nicht an Größe gebrach. Er war groß in seiner unwandelbaren
Pflichttreue, er war groß in der unbedingten Hingebung zu seinem
kaiserlichen Herrn und zum deutschen Vaterlande. Er war endlich auch
groß in ehrenhafter und wahrhaft ritterlicher Gesinnung. (Beifall.) So
wird das Bild des zweiten Kanzlers in der Zukunft vor dem deutschen
Volke stehen als das Bild eines Ritters ohne Furcht und Tadel! (Beifall.)