Full text: Das Deutsche Reich in gesundheitlicher und demographischer Beziehung.

il. 6. Bekämpfung der Krankheiten, 113 
Der im Juni 1883 in Damiette an der Nilmündung erfolgte Ausbruch der 
Cholera, welche sich rasch über ganz Ägypten verbreitete, gab dem Reichs- 
kanzler Veranlassung, Sachverständige mit der Erforschung der Kraukheit in Agypten 
zu beauftragen. Zum Führer dieser Expedition wurde das damalige Mitglied des 
Kaiserlichen Gsesundheitsamts, Dr. Robert Koch, ausersehen; ihm waren die zum 
Gesundheitsamte kommandierten Sanitätsoffiziere Dr, Gaffky und Dr. Fischer bei- 
gegeben. Am 13. August 1883 trat diese Kommission, mit den erforderlichen Hilfs- 
mitteln ausgestattet, die Reise nach Alexandrien an. Wenn auch die Tätigkeit der 
Kommission daselbst nicht unmittelbar zur Erreichung des angestrebten Hauptziels, der 
Ermittlung der Krankheitsursache, führte, so wurden doch so bestimmte Anhalts- 
punkte gewonnen, dass, als die Cholera’ in Ägypten erloschen war, die Kommission 
nach Indien sich begab, um dort ihre Untersuchungen fortzusetzen. Hier wurden die 
auf die Ausfindigmachung des Krankheitserregers gerichteten Bemühungen von Erfolg 
gekrönt!),. Mit der Entdeckung des Cholerabazillus ging die Erforschung und Er- 
kennung der Verbreitungsweise und die Auffindung wirksamer Bekämpfungsmassregeln 
Hand in Hand. " 
Als im Jahre 1896 die Pest in Bombay eine erhebliche Ausbreitung gewonnen 
hatte, wurde zur wissenschaftlichen Erforschung der Seuche von der Reichsverwaltung 
eine Kommission nach Indien ‘entsandt. Durch sie wurde reiches Material für die 
fortschreitende Erkenntnis dieser Krankheit und ihrer zweckentsprechenden Bekämpfung 
zu Tage gefördert und gesammelt. Insbesondere ist von der Kommission in ihrem 
Berichte?) auf die grosse Bedeutung, welche den Ratten bei der Verbreitung der 
Seuche zukommt, hingewiesen und unter. den Massregeln zur Bekämpfung dieser 
Seuche die Vernichtung dieser Nager hervorgehoben worden. 
Um die Mitte der 1890er Jahre wurde bekannt, dass im Kreise Memel eine 
Lepraendemie an Boden gewonnen hatte, Es konnte mit Sicherheit angenommen 
werden, dass die Krankheit aus dem benachbarten Russland, wo sie noch an vielen 
Stellen herrschte, eingedrungen war. Da weitere Einschleppungen von da zu befürchten 
waren, erschien es zweckmässig, den Umfang dieser Gefahr an Ort und Stelle kennen zu 
lernen und sich davon zu überzeugen, mit welchen Massregeln in Russland gegen die 
Seuche vorgegangen wurde. Zu diesem Behufe wurden im Jahre 1897 Sachverständige 
von der Reichsverwaltung und der Königlich Preussischen Regierung nach Russland ent- 
sandt.3) Ihre Forschungsreise wies überzeugend die Zweckmässigkeit und Wirksamkeit 
der Absonderung der Leprakranken nach. (Vgl. S. 82.) 
Im Jahre 1899 veranlasste das Auftreten der Pest in der portugiesischen 
‘ Hafenstadt Oporto die Reichsverwaltung, abermals Sachverständige zum Studium 
dieser Seuche an Ort und Stelle abzuordnen. Das Gleiche geschah seitens der König- 
lich Preussischen Medizinalverwaltung. Dieser Studienreise‘), an der das damalige 
Mitglied des Kaiserlichen Gesundheitsamts, Prof. Dr, II. Kossel teilnahm, ist eine 
Reihe wertvoller klinischer, anatomischer und bakteriologischer Beobachtungen zu 
verdanken. Zum erstenmal wurde hier auf die Bedeutung der leichten Pestfälle für 
die Verbreitung der Seuche aufmerksam gemacht. 
Auch das Studium der durch Protozoen verursachten Krankheiten, die 
neuerdings das allgemeine Interesse der Fachkreise immer mehr in Anspruch nehmen, 
ist von Reichs wegen durch einschlägige wissenschaftliche Arbeiten im Kaiserlichen 
Gesundheitsamte gefördert worden. Im Jahre 1901 entsandte die Reichsverwaltung 
den damaligen wissenschaftlichen Hilfsarbeiter im Gesundheitsamte, Dr. Fritz Schaudinn 
nach Rovigno (Istrien) zur Erforschung der Lebenseigenschaften des Erregers der 
„D Koch und Gaftiky. Bericht über die Tätigkeit der zur Erforschung der Cholera im Jahre 1883 
nach Agypten und Indien entsandten Konmission. ArbKGA Bd. 3. 2) Bericht über die Tätigkeit der zur 
Erforschung der Pest im Jahre 1897 nach Indien entsandten Kommission, erstaltet von Gaff’ky, Pfeiffer, Sticker 
und Dieudonne. ArbKGA Bd. 16. 3 Kübler und Kirchner. Die Lepra in Russland. Ein Reisebericht. 
ArbKGA Bd. 13 S. 408. 9) Kosse), H. und Frosch, P. Über die Pest in Oporto.. Nach einem an 
den Herrn Staatssekretär des Innern bezw. den Herrn Königlich Preussischen Minister der geistl., Unterrichts- 
und Medizinal-Angelegenheiten unter dem 21. November 1899 erstatteten Bericht. ArbKGA Bd. 17 8.1. 
Das Deutsche Reich. Festschrift. 8