140 II, 6. Bekämpfung der Krankheiten.
Die gegen die Wurmkrankheit getroffenen Massnahmen sind einstweilen auch
weiterhin in Kraft geblieben. Es darf erwartet werden, dass mit ihrer Hilfe ın
absehbarer Zeit die völlige Tilgung der Seuche gelingen wird. ’
B. Andere Krankheiten.
a) Blinddarmentzündung.
Unter den nicht von Mensch zu Mensch übertragbaren Krankheiten hat in
neuerer Zeit insbesondere die Blinddarmentzündung das öffentliche Interesse cr-
regt. Überraschte einmal die mehr und mehr zu Tage tretende Häufigkeit dieser
Krankheit, so wurde namentlich durch die weitverbreitete Annahme, die Blinddarm-
erkrankungen ‚seien in einer wesentlichen Zunahme begriffen, eine nicht zu ver-
kennende Beunruhigung der -Bevölkerung hervorgerufen.
In Ermangelung ausreichender Unterlagen zur Beurteilung des Standes der
Krankheit in Deutschland hat sich der Staatssekretär des Innem veranlasst ge-
sehen, mit den Kreisen der Wissenschaft zwecks Prüfung der Frage in Verbindung
zu treten, inwieweit es angezeigt erscheine, von Reichs wegen mittels statistischer
Erhebungen über die Ausbreitung der Blinddarmentzündung, ihre etwaige Zu-
nahme und deren Ursachen Aufklärung zu schaffen. Eine Beratung hierüber hat
am 4. Jahuar ı907 im Kaiserlichen Gesundheitsamte stattgefunden, an welcher
hervorragende Sachverständige aus den verschiedenen Bundesstaaten teilgenom-
men haben. Letztere neigten zwar in der Mehrzahl der Ansicht zu, dass die Zu-
nahme der Blinddarmentzündung nur eine scheinbare sei, vorgetäuscht durch Ver-
schiebungen der Diagnosen wie auch durch die zunehmend operative Behandlungs-
weise, welche die Aufmerksamkeit der ‚Allgemeinheit wesentlich mehr der Krank-
heit zulenke, Nichtsdestoweniger wurde der Vorschlag des Kaiserlichen Gesund-
heitsamts, in Zukunft zur näheren Feststellung der Häufigkeit der Krankheits-
und Todesfälle an Blinddarmentzündung sowohl in der Heilanstaltsstatistik wie in
der Todesursachenstatistik des Deutschen Reichs eine besondere, ausschliesslich
für diese Krankheit bestimmte Rubrik einzuschalten, einstimmig gut geheissen;
gleichzeitig werden die Gesichtspunkte für eine etwa daneben über das gesamte
Reichsgebiet zu erstreckende statistische Umfrage über die Blinddarmentzündung
festgelegt.
b) Alkoholismus.
Wie statistisch festgestellt ist, hat seit einigen Jahrzehnten der Verbrauch
der geistigen Getränke beinahe in allen Ländern ausserordentlich zuge-
nommen. Glücklicherweise trifft dies in Deutschland wenigstens für das verderb-
lichste aller alkoholischen Genussmittel, den Branntwein, nicht zu. Der Verbrauch
von absolutem Alkohol betrug hier in den Jahren 1830 bis 1836 durchschnittlich
7,71 auf den Kopf der Bevölkerung, von dahin bis zum Jahre 1899 hat er sich
ziemlich gleichmässig auf 41/,1 belaufen, hat also im ganzen mindestens keine
Fortschritte gemacht, wenn er auch neuerdings in Gegenden Eingang gefunden
zu haben scheint, deren Bewohner früher als Getränk Bier oder Wein bevorzugten.
Dagegen ist der Bierverbrauch in Deutschland andauernd und bedeutend ge-
stiegen und zwar von 90,061 auf das Jahr und den Kopf im’ Jahr 1873 bis auf 124,11
im Jahr 1898/99, in 25 Jahren also um 37 %. Der Betrag, welcher im Deutschen
Reiche für geistige Getränke jeder Art verausgabt wird, ist im Jahre 1898 auf
gegen 3 Milliarden Mark jährlich geschätzt worden, also auf mehr, als der ganze
Reichshaushaltsetat damals ausmachte. : ' : "It: a TR Thea Hr
In Anbetracht der schlimmen Schädigungen, welche der Alkoholismus nicht
nur dem Einzelnen, sondern auch dem gesamten Staatskörper durch Verminde-
rung des Volksvermögens und der Volkskraft zufügt, ist vom Kaiserlichen Ge-