Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

496  R.  Reinhard,  [70

Ueber  die  Höhe  der  Gebäude  in  den  einzelnen  Stadtteilen  sagt
uns  die  Statistik  der  deutschen  Städte  nıchts,  und  auch  die  Kommunalstatistiken,
  die  einige  der  hier  betrachteten  Orte  besitzen,  geben  uns
darüber  keine  Auskunft.  Wie  schon  erwähnt,  nimmt  ım  allgemeinen
die  Gebäudehöhe  mit  der  mehr  offen  werdenden  Bauweise  von  innen
nach  außen  ab;  besonders  stark  schien  uns  der  Unterschied  ın  Bauhöhe
  und  Baudichte  zwischen  den  äußeren  und  inneren  Stadtteilen  in
Hamburg  und  Stettin  zu  sein.  Es  ist  jedoch  beinahe  selbstverständlich,
daß  die  am  Strom  gelegenen  peripherischen  Stadtteile  die  geschlossene
Bauweise  und  entsprechende  Höhe  beibehalten.  Dort  befinden  sich
große  Speicherhäuser  und  industrielle  Anlagen,  und  für  die  in  diesen
beschäftigten  Beamten  und  Arbeiter  sind  in  der  Nähe  Stadtteile  entstanden,
  die  fast  nur  aus  Etagenhäusern  bestehen.  So  kommt  jener
Auflockerungsprozeß,  der  aus  ästhetischen  und  besonders  aus  sanitären
Gründen  zu  begrüßen  ist,  in  der  Hauptsache  nur  den  binnenländischen
Vorstädten  zu  gute,

Dieser  Prozeß  aber  wird  gerade  in  den  deutschen  Seestädten
unterstützt  durch  die  Vorliebe  des  norddeutschen  Kaufmanns  für  em
eigenes  Heim.  Sei  es,  daß  er,  der  den  ganzen  Tag  über  mit  Leuten
aus  aller  Herren  Ländern  zu  thun  hat,  und  der  bei  Abwicklung  seiner
Geschäfte  stets  mehr  den  Kopf  als  das  Herz  sich  muß  bethätigen  lassen,
in  seinen  Feierstunden  besonders  das  Bedürfnis  hat,  mit  den  Seinen
ungestört  allein  zu  sein,  sei  es,  daß  er  auch  hierin  unbewußt  den  englischen
  Kaufmann  nachahmt,  der  ja  in  vielen  Stücken  seiner  Geschäftsund
  Lebensführung  sein  Vorbild  ist,  sei  es  endlich,  daß  die  Gewohnheit
  des  niedersächsischen  Bauern  ihre  letzten  Spuren  verrät,  kurz,
wenn  er  es  irgend  möglich  machen  kann,  baut  er  sich  ein  eigenes
Haus,  das  er  sich  dann  möglichst  behaglich  einrichtet!).  Wir  finden
daher  in  jenen  Städten  das  Einfamilienhaus  außerordentlich  häufig.
Alle  werden  freilich  in  dieser  Beziehung  weit  übertroffen  durch  Bremen,
das  noch  im  Jahre  1895  unter  allen  Privatwohnungen  44,19°j  Einfamilienhäuser
  hatte?).  Aber  auch  Königsberg  und  Hamburg  weisen
den  verhältnismäßig  hohen  Prozentsatz  von  8,8°?)  bezw.  5,76  0%)
auf.  Von  den  übrigen  Städten  existieren  keine  diesbezüglichen  Angaben,
  jedoch  lehrt  der  Augenschein,  daß  auch  in  ihnen  jene  kleinen
mehr  oder  weniger  villenartigen  Häuser  beliebt  sind,  und  in  den  Lübecker
Vorstädten  sind  diese  fast  allein  herrschend.

Die  offene  Bauweise  und  besonders  die  Einfamilienhäuser,  die  bei
geringer  Höhe  nicht  selten  auf  allen  Seiten  von  einem  Garten  umgeben
sind,  verleihen  einer  Stadt  in  ihren  äußeren  Teilen  eine  außerordent-!,

  Wo  er  aber  gezwungen  ist,  in  einem  Mietshaus  seine  Wohnung  mit
anderen  Leuten  zu  teilen,  will  er  wenigstens  in  seiner  Etage  ganz  für  sich  sein,
und  es  ist  uns  wenigstens  von  Bremen  und  Hamburg  bekannt,  daß  dort  kaum  wie
in  anderen  Städten  die  Gärten,  Hofplätze,  Müllgruben,  Waschküchen  u.  s.  w.  jemals
von  den  Bewohnern  eines  Hauses  gemeinsam  benutzt  werden.  Vgl.  Hamburg  und
seine  Bauten  S.  555.

2)  Jahrbuch  für  Bremer  Statistik  1896  S.  99.

®)  Dullo,  Gebäude  und  Wohnungsverhältnisse  in  Königsberg  i.  Pr.  1890  S.  28.

4,  Statistik  des  Hamburger  Staates  1900,  Heft  19,  2.  Halfte,  S.90.