Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

498  R.  Reinhard,  [72

beschadet  des  Verkehrs  hätte  bestehen  bleiben  können.  Hamburg,  das
sich  ja  ın  dieser  Beziehung  vor  allen  auszeichnet,  hat  auch  nicht  einen
einzigen  alten  Bau  von  Schönheit  oder  gar  monumentaler  Bedeutung,
nachdem  das  letzte  gotische  Haus,  das  sich  in  der  Altstadt  am  „Neß“
erhalten  hatte,  im  Jahre  1880  gesunken  ist!).  Schon  mancher  kunstverständige
  Einwohner  Hamburgs  mag  den  in  gewisser  Weise  unhistorischen
  Sinn  seiner  Vaterstadt  beklagt  haben,  in  welchem  diese  in
einem  völligen  Gegensatz  steht  zu  Städten  wie  Goslar  oder  Rothenburg
  a.  d.  Tauber,  die  alle  Spuren  der  Vergangenheit  sorgfältig  wahren,
„in  denen  es  kein  Fleckchen  giebt,  das  nicht  Poesie  haucht,  in  denen
jeder  Stein,  jede  Thür,  jeder  Erker  und  jede  Wetterfahne  etwas  zu
erzählen  hat“.  Nur  da,  wo  die  Verkehrsbedingungen  im  alten  Hamburg
bis  heute  im  wesentlichen  dieselben  geblieben  sind,  an  den  Fleets,  in
denen  heute  gerade  so  der  Kleinverkehr  herrscht,  wie  vor  Jahrhunderten,
finden  wir  in  den  alten  Handelshäusern  im  ganzen  wenig  würdige  Zeugen
einer  grauen  Vergangenheit.  Auch  Bremen  hat  nur  sehr  vereinzelte
Reste  mittelalterlicher  Baukunst,  wie  den  schönen  Renaissancebau  des
Rathauses  und  die  Stufengiebel  des  Korn-  und  Essighauses.  Ebenso
haben  Kiel,  Stettin  und  Königsberg  im  ganzen  ein  modernes  Gewand
angezogen.  Der  Mangel  an  alten  Bauten  in  der  letzteren  Stadt  mag  mit
veranlaßt  sein  durch  die  große  Anzahl  der  Brände,  von  denen  Königsberg
  heimgesucht  wurde.

Dagegen  finden  wir  in  Lübeck,  Danzig,  Rostock  und  Stralsund
noch  reichlich  wertvolle  Ueberreste  aus  ihrer  mittelalterlichen  Glanzperiode,
  und  diese  bestehen  nicht  nur  in  den  öffentlichen  Bauten,  in
den  Kirchen  und  Rathäusern,  in  den  Innungshäusern  und  Thorbauten,
sondern  es  zeugen  auch  schöne  Patrizierhäuser  von  dem  Reichtum  und
Kunstsinn  ihrer  Erbauer  und  Bewohner.  Jetzt  werden  diese  Ueberreste
der  alten  Zeit  als  Kostbarkeiten  geschätzt,  und  nachdem  sie  die  gefährliche
  Periode  der  letzten  Jahrzehnte  überstanden  haben,  in  der  so
vieles  Alte  dem  Neuen  geopfert  wurde,  dürfte  ihnen  noch  eine  lange
Dauer  bevorstehen.

Ja,  man  sucht  sogar  häufig  den  alten  individuellen  Charakter  der
Stadt  wieder  zu  verstärken,  indem  man  die  alte  Bauweise  bei  den  entstehenden
  Neubauten  zur  Anwendung  bringt,  wobei  man  natürlich  mit
dieser  die  neuzeitlichen  Anforderungen  an  Hygiene  und  Komfort  zu
verbinden  sucht.  Besonders  aufgefallen  ist  uns  diese  Thatsache  in
Rostock  und  Danzig.

Wenn  man  die  Hauptunterschiede  zwischen  diesem  mittelalterlichen
und  dem  neuzeitlichen  Wohnhaus  angeben  soll,  so  sind  es  etwa  folgende:
  Das  alte  Haus  hat  eine  geringe  Breite,  dafür  aber  große  Höhe,
besonders  ein  sehr  hohes  und  steiles  Dach;  in  den  meisten  Fällen
(wenigstens  in  den  hier  betrachteten  Städten)  wendet  es  der  Straße
eine  Giebelseite  zu,  die  reich  verziert  ist.  Die  hohen  Giebel  lassen
jedes  Haus  als  eine  Sonderexistenz,  als  ein  Individuum  erscheinen.  Das
moderne  Wohnhaus  zeigt  größere  Breitenentwicklung  und  geringere
Höhe.  Als  Front  ist  fast  immer  eine  Flankenseite  ausgebildet.  Nicht

!)  Melhop,  Histor.  Topographie  Hamburgs,  8.159.