Full text: Deutschlands auswärtige Politik 1888-1914.

422 4. Abschnitt. Marokko und Balkan als Angelpunkte der Einkreisung. 1908—1914. 
Krieges einwandfrei bekanntgewordenen britisch-belgischen Abmachungen 
tritt diese Agitation erst in ihr rechtes Licht: man war in der Tat entschlossen, 
Antwerpen zur Verpflegungsbasis einer gelandeten britischen Armee zu 
machen, und die belgische Regierung war für den Plan völlig gewonnen. 
Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Tatsache, daß Belgien damals 
auf französische Anregung seine Heereskraft bedeutend erhöhte. In den 
Niederlanden betrachtete man diese Entwicklung mit Sorge und aus dieser 
Sorge ging im Jahre 1911 eine umfangreiche Vorlage zum Schutze der 
Küsten durch schwimmende und feste Berteidigungemittel hervor. Ins- 
besondere sollte auch die Schelde bei Blissingen erheblich und sofort be- 
festigt werden, denn die damalige Regierung der Niederlande war nicht 
gewillt, im Kriege ihre Neutralität durch Großbritannien durchbrechen zu 
lassen. Die Folge war ein „Entrüstungssturm“ in der großbritannischen, 
französischen und belgischen Presse. Der französische Minister Pichon er- 
klärte im Namen der französischen Regierung die Neutralität Belgiens 
durch den niederländischen Befestigungsplan gefährdet und sagte, Frank- 
reich werde unter Umständen an eine internationale Konferenz appellieren. 
Die Niederlande erhoben entschiedenen Widerspruch gegen internationale 
Einmischung in ihre Angelegenheiten, aber die dortige Regierung hat gleich- 
wohl de facto auf den englisch-französischen Druck bis zu einem gewissen 
Grade reagiert und sich auch sonst bestrebt, gute Beziehungen zu den West- 
mächten beizubehalten, zumal wirkte der Londoner Druck: daß die hol- 
ländischen Kolonien nur durch englisches Wohlwollen den Niederlanden 
erhalten, sonst aber Japan und England anheimfallen würden. Die hol- 
ländische Bevölkerung ihrerseits blieb gegenüber den englisch-französischen 
Verleumdungen von den Eroberungsabsichten des deutschen Militarismus 
nicht unempfänglich. Die holländische Regierung hat sich durch den Mund 
ihres auswärtigen Ministers, wie man später erfahren hat („Neue Bei- 
träge zu Entstehungsgeschichte des Weltkrieges“, von Balter) tatsächlich 
zu einer internationalen Erörterung über die Blissinger Befestigungen 
bereit erklärt. Im November 1912 sagte der Minister, er habe mit führenden 
Staatsmännern Westeuropas über die holländische Küstenverteidigung 
gesprochen und sie ihnen in das richtige Licht gesetzt. Sie stehe keineswegs 
im Widerspruch zum belgischen Interesse. Wie die angezogene Schrift 
sagt, gestaltete sich damit die Sache so: „daß man sich das Recht, die Schelde 
einer fremden Kriegomacht zu verschließen, vorbehielt, während man nicht 
mehr auf dem Standpunkte stand, daß es auch die Pflicht unseres neutralen 
Staates sei, dieses unter allen Umständen zu tun.“ — Zm Kriege 1914 aber 
hat die Regierung der Niederlande ebenso lopal wie energisch dem eng- 
lischen Drängen auf Einfahrt in die Schelde Widerstand geleistet. Die 
Berhandlungen von 1911, 1912 und 1915 zwischen den N#ederlanden und
	        
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