Full text: Von Potsdam nach Doorn.

König von Sachsen sandte der Kaiser eine Depesche des Inhalts: ‚Mir ist so 
weh, als hätte Ich noch einmal Meinen Großvater verloren. Aber von Gott(!) 
Bestimmtes (!) ist zu tragen, auch wenn man darüber zugrunde gehen sollte. 
Das Amt des wachthabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zu- 
gefallen. Der Kurs bleibt der alte : Volldampf voraus.‘‘ — Abstoßender konnte 
sich Heuchelei kaum äußern. Wie kam die ‚tiefe Bewegung“ in Wirklichkeit 
zum Ausdruck ? 
Eulenburg erzählte: Am Abend des verhängnisvollen 17. März wartete 
der Kaiser mit steigender Ungeduld im Schloß. Er wartete auf das Ab- 
schiedsgesuch des Kanzlers. Abends musizierte man mit einigen Gästen. 
Dann sagte der Kaiser zu dem Grafen Philipp Eulenburg: ‚So, nun ist es 
gut, jetzt werden Sie singen.‘“ Zu der Erfüllung solchen Wunsches an diesem 
Abend gehörten wahrhaftig gute Nerven! Der Kaiser lachte. ‚Ihnen scheint 
die Musik heute nicht zu passen‘, sagte er, „das tut nichts zur Sache, wir 
wollen uns den Kopf wieder klarmachen und an andere Dinge denken.“ 
Nach dem Souper wurde ich vom Kaiser zur Schlachtbank, dem Flügel, ge- 
führt. Ich mußte singen. Ich sang für die gütige Kaiserin und den Herzog, 
der selbst eine Oper komponiert hatte, viele meiner Balladen, deren Auswahl 
der Kaiser bestimmte. Man sagte mir viele schöne Sachen, aber ich hörte es 
wie im Traum. Der Kaiser saß, wie immer, wenn ich sang, neben mir und 
wendete die Seiten um. Er war ganz bei der Sache in unbefangener Freude. 
Sein merkwürdig schnell wechselndes Temperament ließ ihn selbst in diesen 
peinlichen Stunden nicht im Stich. Der Kaiser wird vom Adjutanten heraus- 
gerufen, kommt zurück und flüsterte mir leise zu, nachdem er sich wieder 
neben mich an das Klavier gesetzt hatte: ‚Jetzt ist der Abschied da.‘ Dann 
mußte ich weitersingen! 
Einen Absatz weiter betont Eulenburg: ‚Die sich gleichbleibende Ruhe 
des Kaisers stand in grellem Widerspruch zu der Stimmung des Kanzlers 
und seiner Familie.‘ 
Subjektiv ist die gleichbleibende Ruhe des Kaisers durchaus erklärlich: 
er hatte endlich erreicht, was er wollte: der alte Mann, der seiner Sucht nach 
Geltung, als großer Herrscher ausgerufen zu werden, und dem gegenüber er 
seine eigene Minderwertigkeit und Schwäche als unerträglich für seine Eitel- 
keit empfand — war nicht mehr da. Er brauchte nicht mehr zu befürchten, 
daß die Worte des Großherzogs von Baden sich verwirklichen würden: ‚Und 
dann würde wieder der alte Kanzler im Vordergrund stehen !‘“‘ — Mehr schei- 
nen als sein! trat von jetzt ab als das Lebensmotto Wilhelms II. beherr- 
schend in den Vordergrund. 
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