Bismarck selbst, einmal zum Kampf gezwungen, führte diesen, sobald ihm
eine Wiederaufnahme erforderlich erschien, wie alle seine Kämpfe früher,
mit Schärfe und Wucht. Die „Hamburger Nachrichten‘, ein hervorragendes
und charakterfestes Blatt, hatten sich dem entlassenen Kanzler gleich zur
Verfügung gestellt, und der Hauptschriftleiter erhielt bei entsprechendem
Anlaß in Friedrichsruh seine Weisungen. Allmählich bildete sich die von der
Gegenseite so genannte ‚„Bismarck-Fronde‘, zu der, außer der einschlägigen
Presse, auch nationalpolitische parteilose Organisationen und Einzelpersön-
lichkeiten traten. Entstanden sind damals in der Öffentlichkeit zwei Fronten.
Die Front des ‚Neuen Kurses‘ war die bei weitem größere und umfaßte, wie
gesagt, alle großen Parteien und die Generalanzeiger-Presse. Welchen Tones
man sich bediente — von der Sozialdemokratie nicht zu reden —, zeigte das
Organ des demokratischen Führers Eugen Richter mit der Redewendung:
der frühere Reichskanzler laufe polternd und scheltend hinter dem Reichs-
wagen her! Die Hauptsorge der Parteien, abgesehen vielleicht nur von einem
Teil der Reichspartei wie der Nationalliberalen, war, auf jede Weise zu ver-
hindern, daß Bismarck etwa wieder ins Amt kommen könnte, wenn der
Kaiser sich vielleicht wieder mit ihm versöhnen sollte. Am Hofe, in der
Reichskanzlei, in den preußischen Ministerien, im Auswärtigen Amt zitterte
man jahrelang noch vor dieser furchtbaren Gefahr. Ein Teil der ständigen
schwülstigen Lobhudelei auf den Kaiser und den neuen Kurs führte sich auf
diese Angst, auch in der Presse, zurück.
*
In dieser Verbindung muß eines Ereignisses Erwähnung getan werden,
auf dessen Hervorhebung der Leser vielleicht schon gewartet hat: die Er-
werbung der in englischem Besitz befindlichen Insel Helgoland für Deutsch-
land; sie erfolgte im Sommer 1890 und wurde als Ruhmestat und glän-
zender Befähigungsnachweis des neuen Kurses, vor allem Wilhelms II., maß-
los gepriesen. Da sehe man doch, welch ein neuer, frischer Zug in diedeutsche
Außenpolitik hineingekommen sei, und habe auch einen schlagenden Be-
weis dafür, daß der Kanzler doch eben viel zu alt geworden sei, um noch
außenpolitisch aktiv tätig zu sein. In Wirklichkeit hat sich die Helgoland-
Angelegenheit folgendermaßen vollzogen:
Nachdem der Bau des Nordostsee-Kanals beschlossen war, mit dem
Zweck, eine schnelle Konzentration der deutschen Seestreitkräfte in der
Nordsee bzw. der Ostsee zu ermöglichen, waren die militärischen und mari-
timen Autoritäten sich darüber einig, daß die Insel Helgoland bei ihrer Lage,
tief in der Nordseebucht, die Flußmündungen Elbe, Weser und Jade geo-
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