ständen, die über seine Kraft gehen würden. In den Dienst dieser Angst trat
dann jedesmal der von Eulenburg angeführte ‚Verstand‘. Es handelt sich
also um eine ganz andere menschliche Wesensart als die eines Hamlet: ‚‚Der
angeborenen Farbe der Entschließung ist des Gedankens Blässe angekrän-
kelt.‘“ Hamlet war aber persönlich mutig und tapfer, dabei eine innerlich
zarte, skeptische Natur, unegoistisch, stets in seinem Gewissen forschend,
ob er auch recht handele, und sich prüfend, ob er richtig denke. Um Äußeres
war es ihm nicht zu tun, und Eitelkeit, äußerer Ehrgeiz und Sucht nach
Popularität lagen ihm, dem rechtmäßigen Thronfolger, fern, wie nahe der-
artiges gerade ihm hätte liegen können.
In dem Briefe vom Jahre 1886, den Wilhelm II. als Prinz an Bismarck
über sein Verhältnis zu den Bundesfürsten schrieb, zeigt sich der Weg, den
er zu gehen gedachte, deutlich: was die Verfassung des neuen Deutschen
Reiches bestimmte, kümmerte ihn im Grunde genommen gar nicht. Mög-
licherweise hat er auch nicht verstanden oder sich keine Gedanken darüber
gemacht, daß und warum es nicht zeitgemäß war, den damals sogenannten
föderalistischen Gedanken des Reiches — also den des ‚ewigen Bundes“
aller Einzelstaaten des Reiches — fallen zu lassen.
Gedanke und Vorsatz des Prinzen und nachher des Kaisers waren: ‚‚die
alten Onkels‘, also die Bundesfürsten, sich durch Liebenswürdigkeit in die
Hand zu spielen, so oder so, aber ‚pariert wird‘‘. Man müsse die Alten ruhig
anhören, aber ob man ihre Wünsche erfülle, das sei dann etwas ganz anderes.
Sie sollten auch durch etwaige Höflichkeitsbesuche ‚‚gekirrt werden“. Der
Wille und der Gedanke, unbeschränkt durch die Bestimmungen der Ver-
fassung, auch bei den Bundesfürsten und ihren Regierungen, trotz eigener
absoluter Herrschertätigkeit sich mit Erfolg ‚populär‘ zu machen, war tat-
sächlich also vorhanden. Nun waren freilich die deutschen Bundesfürsten
ihrerseits keineswegs absolute Herrscher, sondern auf ihre Verfassungen an-
gewiesen und damit auch auf ihre Regierungen, die Parlamente und Volks-
stimmungen konnten sie jedenfalls durchaus nicht ignorieren.
Ein Überblick über das Verhältnis des Kaisers zu den anderen Bundes-
fürsten zeigt, daß er sich einer großen Beliebtheit bei ihnen nicht erfreut hat
und ebensowenig einer aufrichtig respektvollen Anerkennung. Er mischte
sich gern ungebeten und nach Laune in ihre Angelegenheiten, behandelte
sie taktlos und brüsk und überheblich, liebte, sie gesellschaftlich zu ‚‚über-
strahlen“. Dazu kam seine Neigung zu formlosen, taktlosen und oft sehr
handgreiflichen Scherzen, besonders mit den jüngeren Bundesfürsten und
Prinzen, die von diesen übel aufgenommen und nicht vergessen wurden. So
entstandene Verstimmungen, auch Abneigungen der Bundesfürsten und
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