Full text : Wilhelm Heinzes Quellen-Lesebuch zur vaterländischen Geschichte für Lehrerbildungsanstalten und höhere Schulen. Zweiter Teil. Deutsche, vornehmlich brandenburgisch-preußische Geschichte bis 1815. (2)

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sollte.  ..  Sogleich  wurde  die  fröhliche  Kunde  den  Bürgern  durch  die  ganze  Stadt
unter  Trommelschlag  bekannt  gemacht.  Die  Flammen  wurden  nun  durch  vereinte
  Anstrengung  nach  wenigen  Stunden  glücklich  bezwungen  .  Es  war,  wie
wenn  ein  böser  Traum  endlich  abgeschüttelt  wäre  und  man  zu  vollem,  freudigem
Bewußtsein,  zum  Gefühl  von  Ruhe  und  Sicherheit  zurückkehrte.  Allein  wohl  bei
jedem  heftete  sich  der  zweite  Gedanke  unwillkürlich  auf  unseren  edlen  Gneisenau,
dem  wir  es  nächst  Gott  schuldig  waren,  daß  wir  uns  dieser  Stunde  und  eines  so
ehrenvollen  Triumphes  erfreuen  konnten.  Dies  Gefühl,  auch  wo  es,  stumm  in  der
Brust,  sich  nur  in  einem  dankbaren  Blick  auf  ihn  hin  offenbarte,  hat  ihm  auch
sicherlich  als  der  schönste  Lohn  seiner  Anstrengung  genügt.  Sein  König  lohnte  ihm
auf  der  Stelle,  indem  er  ihm  durch  den  Friedensboten  selbst  seine  Ernennung  zu
einem  höheren  Militärgrade  übersandte,  bis  sich  ihm  in  schneller,  aber  verdienter
Stufenfolge  die  hohe  Stellung  eröffnete,  in  der  der  Gefeierte  zum  Heile  des  geretteten
  Vaterlandes  erfolgreich  zu  wirken  vor  vielen  berufen  war.

96.
Scharnhorsts  Heeresreformen.

1.  Quelle:  Ein  Brief  Scharnhorsts  an  den  General  Clausewitz  vom
27.  November  1807.
Fundort:  G.  H.  Pertz,  Das  Leben  des  Ministers  Freiherrn  vom  Stein.  Berlin  1850.  Bd.  2.  S.  184—185.

Wäre  es  möglich,  nach  einer  Reihe  von  Drangsalen,  nach  Leiden  ohne
Grenzen  aus  den  Ruinen  sich  wieder  zu  erheben,  wer  würde  nicht  gern  alles
daran  setzen,  um  den  Samen  einer  neuen  Frucht  zu  pflanzen,  und  wer  würde  nicht
gern  sterben,  wenn  er  hoffen  könnte,  daß  sie  mit  neuer  Kraft  und  Leben  hervorginge!
  Aber  nur  auf  einem  Wege,  mein  lieber  Clausewitz,  ist  dies  möglich.  Man
muß  der  Nation  das  Gefühl  der  Selbständigkeit  einflößen,  man  muß  ihr  Gelegenheit
  geben,  daß  sie  mit  sich  selbst  bekannt  wird,  daß  sie  sich  ihrer  selbst  annimmt;
  nur  erst  dann  wird  sie  sich  selbst  achten  und  von  anderen  Achtung  zu  erzwingen
  wissen.  Darauf  hinzuarbeiten,  das  ist  alles,  was  wir  können.  Die  Bande
des  Vorurteils  lösen,  die  Wiedergeburt  leiten,  pflegen  und  sie  in  ihrem  freien
Wachstume  nicht  hemmen,  weiter  reicht  unser  Wirkungskreis  nicht.  So  sehe  ich  die
Sache,  so  sehe  ich  unsere  Lage  an.  Ich  ziehe  mich  sehr  wenig  bei  dieser  Lage  des
Ganzen  in  Betracht.  Ich  habe  den  besten  Willen  zu  wirken,  wo  ich  kann;  ich
bin  aber  nicht  dazu  gemacht,  mir  Anhang,  Zutrauen  durch  persönliche
Bearbeitung  zu  verschaffen.  Ohne  daß  ich  es  vorher  wußte,  beförderte  mich
der  König  und  übertrug  mir  die  Reorganisation  einer  sehr  heterogenen  Kommission.
  Freunde  habe  ich  mir  nicht  zu  machen  gesucht,  und  wenn  es  möglich  ist,
wird  man  mich  bei  so  heterogenen  Ansichten,  so  wenigen  persönlichen  Rücksichten
vom  Könige  zu  entfernen  suchen,  obgleich  dieser  mir  sehr  gnädig  ist  und  mich  bisher
mit  unverdientem  Zutrauen  behandelte.  Eine  ruhige,  ehrenvolle  Existenz  steht  noch
in  diesem  Augenblicke  mir  anderwärts  offen.  Aber  Gefühle  der  Liebe  und  Dankbarkeit
  gegen  den  König,  eine  unbeschreibliche  Anhänglichkeit  an  das  Schicksal  des
Staates  und  der  Nation  und  Abneigung  gegen  die  ewige  Umformung  von  Verhältnissen
  hält  mich  bis  jetzt  davon  ab  und  wird  es  tun,  so  lange  ich  glaube,  hier
nur  entfernt  nützlich  sein  zu  können.  Obwohl  es  mit  unserer  Zukunft  mißlich
steht,  so  haben  wir  doch  auf  eine  innere  Regeneration  des  Militärs,  in  Hinsicht
sowohl  auf  die  Formation,  das  Avancement,  die  Ubung  als  auch  insbesondere  den