Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Sein  Parlamentsplan.  495

Wie  sie  will  er  jetzt  ein  kleindeutsches  Reich  ohne  Hsterreich,  Einschränkung
  der  Selbständigkeit  der  Mittelstaaten  und  eine  gesamtdeutsche  Volksvertretung.
  Aber  trotzdem  bleibt  auch  jetzt  noch  der  Unterschied  zwischen
seinen  Anschauungen  und  diesen  früher  von  ihm  so  heftig  bekämpften  Tendenzen
  groß  genug.  Denn  das  Parlament,  wie  er  es  sich  denkt,  soll  doch
im  wesentlichen  nur  ein  Hilfsmittel  sein,  um  die  Sonderbestrebungen  der
Einzelregierungen  niederzuhalten,  keineswegs  aber  der  Mittelpunkt  des
ganzen  gesamtdeutschen  Staatslebens  oder  gar  die  oberste  leitende  Instanz.
Es  soll  in  seiner  Kompetenz  eng  begrenzt  sein,  sich  im  wesentlichen  nur  mit
den  wirtschaftlichen  und  den  eng  damit  zusammenhängenden  rechtlichen
Fragen  beschäftigen.  Es  soll  auf  keinen  Fall  so  stark  sein,  daß  es  Preußen
selbst  in  seinem  inneren  Staatsleben  beeinflussen  oder  der  äußeren  Politik  des
Bundes  die  Richtung  geben  könnte.  Die  Leitung  des  neuen  Bundes,  wie
ihn  Bismarck  sich  denkt,  soll  durchaus  bei  der  preußischen  Regierung  liegen;
eine  einheitliche  Politik  gegenüber  dem  Auslande,  militärischer  Jusammenschluß
  zum  Schutz  des  deutschen  Gebietes  und  eine  gemeinsame  Wirtschaftspolitik,
  damit  soll  der  Wirkungskreis  des  Bundes  überhaupt  erschöpft
sein;  in  allen  anderen  Beziehungen  sollen  Preußen  und  alle  übrigen  Einzelstaaten
  ihre  volle  Selbständigkeit  bewahren.  Er  hält  auch  jetzt  noch  an  seiner
alten  Definition  der  deutschen  Einheit  fest,  wonach  sie  wesentlich  Einigkeit
gegenüber  dem  Auslande,  nicht  aber  Gemeinsamkeit  des  inneren  Staatslebens
  ist.  Nur  in  der  Hereinziehung  der  wirtschaftlichen  Fragen  in  die
Kompetenz  des  Bundes  wird  man  eine  Abweichung  von  dem  früheren
Programm  erkennen  können;  auch  diese  Fragen  hatte  er  erst  in  Frankfurt
eingehender  praktisch  kennen  gelernt,  und  war  sich  ihrer  Bedeutung  bewußt
geworden.?  Für  ihre  Erledigung  traute  er  auch  einem  Parlament  gewiß  die
Befähigung  zu,  während  er  sonft  seiner  früheren  Anschauung  nicht  untreu
geworden  sein  wird,  „daß  Bauern  und  Kleinstädter  nicht  geeignet  sind,  um
Gesetze  zu  machen  und  europäische  Politik  zu  treiben“.

Nachdem  Bismarck  Frankfurt  verlassen  hatte  und  zum  Gesandten  in
Petersburg  ernannt  war,  hat  er  sein  Programm  noch  einmal  zusammengefaßt
  in  dem  Briefe,  den  er  am  r2.  Mai  1859  an  den  Minister  von  Schleinitz
geschrieben  hat.“  Die  augenblicklichen  Bundeseinrichtungen  sind  eine

wo  er  er  davon  spricht,  daß  man  die  geplanten  Einrichtungen  den  Unionsprojekten  von
1840  entnehmen  könne.  Vgl.  ferner  unter  S.  400  Anm.  4.

1  Dies  betont  mit  Recht  Lenz,  Gesch.  Bismarcks  (3.  Aufl.)  S.  130

:  Die  ersten  Anzeichen  davon  in  seinem  Briefe  an  Gerlach  v.  22.  Juni  1851  (S.  8.).

*  An  Frau  v.  Bismarck  11.  Sept.  1840  (S.  144).

Bismarcks  Briefe  an  Schleinitz  S.  11f.  —  Bismarck  hat  im  April  1866  erzählt  (Aus
d.  Leben  Th.  v.  Bernhardis  6,  296),  daß  er  damals  habe  Minister  werden  sollen  und