Volltext : Zentralblatt für das Deutsche Reich. Vierunddreißigster Jahrgang. 1906. (34)

100  Das  heilige  römische  Reich  deutscher  Nation.

gezeigt  wird;  dann  brechen  die  feindlichen  Mächte  los,  sie  stürzen  sich
auf  die  Götter  und  Helden,  alle  vernichten  einander  gegenseitig,  und
Feuer  aus  Muspelheim  verzehrt  die  Welt;  aber  nach  dem  Weltbrande
läßt  der  unbekannte  Gott,  „der  Mächtige  von  oben  her“,  eine  neue
Sonne  und  Erde,  eine  neue,  schönere  Welt  entstehen.

So  weht  durch  den  ganzen  Glauben  etwas  Schauerliches,  das  den
Normannen  mit  einer  gewissen  Vernichtungslust  erfüllen  mußte,  und
wenn  wir  in  dem  nordischen  Glauben  manchen  hochpoetischen  Zug  auffinden
  und  uns  namentlich  die  in  demselben  niedergelegte  Erkenntniß  überrascht,
  daß  Odin  und  die  Asen  eine  ewige  Weltordnung  zu  gründen  und
zu  erhalten  die  Macht  und  Weizheit  nicht  haben,  so  müssen  wir  auch  zugestehen,
  daß  Odins  Religion  wohl  unbezwingliche  Krieger  aber  kein
eivilisiertes  Volk  schaffen  konnte.  In  den  uns  erhaltenen  Liedern  ihrer
Sänger  (Skalden)  werden  auch  fast  ganz  ausschließlich  nur  kriegerische
Vorzüge  gefeiert:  Kraft  und  Gewandtheit  in  Führung  der  Waffen,
todesverachtender  Muth,  unverbrüchliche  Treue  gegen  den  Anführer  und
Kampfgenossen;  aber  die  menschlich-schöne  Milde,  die  uns  in  Homers
Gesängen  so  anzieht  und  die  Blüte  der  hellenischen  Bildung  gleichsam
in  der  Knospe  zeigt,  suchen  wir  in  den  nordischen  Gesängen  vergebens.
Mochten  die  Normannen  einander  selbst  Wort  halten,  so  fanden  sie
(wie  alle  Barbaren)  in  der  Wortbrüchigkeit  gegen  Feinde  nichts  Arges,
und  achteten  sie  in  der  Heimath  die  Ehre  des  weiblichen  Geschlechtes,
so  zeigten  sie  sich  bei  ihren  Einfällen  in  fremde  Länder  in  der  Regel
gegen  dasselbe  so  bestialisch,  wie  dies  von  Vandalen,  Hunnen  und  Türken
berichtet  wird.

Der  Normannen  Fahrten  und  Eroberungen.  Wickinger.  Serkönige.

In  den  letzten  Zeiten  des  weströmischen  Reiches  erschienen  verwegene
  und  grausame  sächsische  Seeräuber  an  den  gallischen  und  britischen
  Küsten,  von  den  Normannen  jedoch  ist  noch  keine  Rede;  aber  um
die  Mitte  des  9.  Jahrhunderts  schwärmen  diese  in  allen  Meeren,  sind
die  Geißel  der  Ostseeländer,  der  norddeutschen,  französischen  und  spanischen
  Küsten  und  wagen  sich  bis  Italien,  Griechenland  und  Kleinassen.
Was  trieb  sie  in  solcher  Anzahl  an  nahe  und  ferne  Küsten?  Das  Beispiel
  der  Angeln  und  Jüten,  deren  Unternehmung  gegen  Britannien  so
gut  gelang,  konnte  ihre  nördlichen  Nachbarn  nicht  anders  als  zur  Nachahmung
  ermuntern,  und  wer  weiß,  wie  viele  normannische  Abenteurer
die  Angeln  begleitet  haben?  Ebenso  ist  es  uns  unbekannt,  seit  wann  sie
die  von  Slaven  und  Finnen  bewohnten  Küsten  und  Inseln  des  baltischen
  Meeres  heimsuchten,  oder  wie  lange  sie  ihre  Raubzüge  hauptsächlich
  gegen  die  Finnen  (Lappen)  richteten,  welche  noch  im  8.  Jahrhundert
  einen  großen  Theil  des  heutigen  Schweden  und  Norwegen  inne  hatten.