Graf Dönhoff. 125
wesentlichen auf ein schwächliches Abwarten gegenüber den weiteren Schritten
der Berliner Nationalversammlung beschränkte. Auch in der deutschen Politik
nehmen wir keine eigene Initiative des Ministeriums wahr. Das Ministerium
des Auswärtigen wurde dem Grafen Dönhoff anvertrauf, dem früheren
Bundestagsgesandten, der uns bereits als Verteidiger des Gedankens der
preußischen Hegemonie bekannt ist. Es ließ sich also erwarten, daß, soweit
sein Einftuß reichte, an der bisherigen Richtung nichts geändert werden würde.
Sein Vorgänger Auerswald hatte noch unmittelbar vor seinem Abgange
dem Gesandten in Wien, Grafen Bernstorff, die volle Justimmung des Ministeriums
zu den von ihm entwickelten Grundsätzen ausgesprochen. Diese
gingen dahin, daß Österreich aus Deutschland ausscheiden und Preußen an
dessen Spitze treten müsse, und daß man sich zu hüten habe, der provisorischen
Zentralgewalt bedeutendere Rechte einzuräumen, bevor man nicht
sicher sei, welche Stellung dem eigenen Staate bei der definitiven Gestaltung
Deutschlands zufallen solle. Dies wird auch den Anschauungen des Grafen
Dönhoff entsprochen haben und war mit den Gesichtspunkten, die Camphausen
vertrat, durchaus im Einklang.
Auch Camphausen war während der Miniskerkrisis von Berlin aus um
seine Ansicht und seinen Rat gefragt worden, namentlich auch darüber, ob
nicht einer der preußischen Abgeordneten in Frankfurt bereit sein würde,
das Staatsruder zu ergreifen.: Er hatte es abgelehnt, ohne genauere Kenntnis
der augenblicklichen Berliner Verhältnisse einen Rat zu geben, da er aus
der Ferne nicht beurteilen könne, ob es gefährlicher sei, ein Ministerium aus
der äußersten Linken der Berliner Versammlung zu nehmen, das in kurzer
Zeit abwirtschaften werde, oder ein Kabinett im Gegensatze zu der National-=versammlung
zu bilden. Es kam ihm wohl der Gedanke, ob man nicht die
Versammlung wegen Unfreiheit der Beratungen an einen anderen Ort verlegen
solle; aber er zog es schließlich vor, ihn für sich zu behalten und nicht
1 Berichte Bernstorffs u. Antwort Auerswalds v. s. Sept. bei Ringhoffer, Im Kampf
um Preußens Ehre, 68.
2 Geheimrat Costenoble an Camphausen 7. Sept.: „Das Ministerium will nach dieser
Niederlage abtreten. Wo aber ein anderes hernehmen? Grabow ist vergeblich dazu aufgefordert
worden. Herr v. Auerswald — in dessen Auftrag ich diese Jeilen schreibe — läßt
E. E. um Ihren Rat bitten, namentlich darüber, ob nicht in Frankfurt einer unserer preußischen
Abgeordneten — vielleicht v. Beckerath, der ja sein Reichs-Portefeuille abgegeben hat —
geneigt und imstande sein möchte, hier das Ruder zu ergreifen: Unsere Lage ist wirklich
äußerst kritisch: zu den schlimmen Verwicklungen des dänischen Waffenstillstandes nun noch
dieser Konflikt mit unserer nach Souveränität strebenden Nationalversammlung!" Was
soll der König da tun? Was soll man ihm raten? Für die Ruhe in Berlin befürchtet
man heute nichts, während sie im Falle eines parlamentarischen Sieges des Ministeriums
unfehlbar ernstlich gestört wäre. Gott bessere diese verzweifelten Zustände!"
Vgl. Caspary 233.