Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

Peutsches  Reich.  (Jan.  24.—26.)  29

besondere  durch  Ausbau  der  Volksvertretung,  erscheint  angezeigt.  Die
Zurückziehung  der  Truppen  ist  nicht  ohne  weiteres  möglich;  darin  stimme
ich  mit  dem  Abg.  Trimborn  überein.  Die  Verhältnisse  sind  noch  zu  unsicher.
  Der  Reichstag  wird  die  Regierungspolitik  betr.  das  Selbstbestimmungsrecht
  der  Völker  und  keine  Zwangsannexionen  unterstützen.  Die  Annexionisten
  haben  mit  ihrem  Treiben  die  Oberste  Heeresleitung  in  den  politischen
Streit  hineingezogen.  In  Oesterreich  muß  man  wissen,  daß  wir  den  Verständigungsfrieden
  und  nicht  einen  Gewaltfrieden  wollen.  Den  staatsrechtlichen
  Verhältnissen  entspricht  es  nicht,  wenn  ein  General  neben  den
berufenen  Vertretern  des  Reiches  in  die  Verhandlungen  eingreift.  Die
Wilsonsche  Note  ist  ein  ernstes  Schriftstück,  und  ich  begrüße  es,  daß  der
Reichskanzler  es  sachlich  behandelt  hat.  Ein  wesentlicher  Teil  der  Wilsonschen
  Forderungen  stimmt  mit  dem  überein,  was  der  Reichstag  verlangt
hat.  Von  größter  Wichtigkeit  ist  eine  Verständigung  über  die  belg.  Frage.
Eine  els.-lothr.  Frage  gibt  es  für  uns  nicht.  Daß  deutsche  Gebiete  an
Polen  kommen  sollen,  davon  kann  ebensowenig  die  Rede  sein.  Hinsichtlich
unserer  Stellung  zu  Oesterreich  stimme  ich  dem  zu,  was  der  Reichskanzler
gesagt  hat.  Wenn  Lloyd  George  oder  Wilson  von  der  Selbstbestimmung
der  Völker  sprechen,  so  muß  auch  von  den  Völkern  gesprochen  werden,
die  England  unterworfen  hat,  von  Irland,  Aegypten  usw.  Die  Unversehrtheit
  unseres  Gebiets  muß  unter  allen  Umständen  garantiert  werden.  Sobald
  Wilson  das  erklärt,  wird  eine  Verhandlungsgrundlage  gefunden  werden,
sonst  nicht.  Wir  stehen  Schulter  an  Schulter  mit  unseren  Verbündeten,
Wahnsinn  wäre  es,  die  Freundschaft  mit  ihnen  anzutasten.

Abg.  Dr.  Stresemann  (Natl.):  Eine  Auseinandersetzung  zwischen  den
Anhängern  des  Verständigungsfriedens  und  des  Machtfriedens  ist  im  Gange;
hierin  kann  man  Scheidemann  zustimmen;  nicht  aber  seinen  Ausführungen
über  die  Lage  Englands.  Die  engl.  Regierung  hütet  sich,  irgendwelche
genaue  Angaben  über  den  volkswirtschaftlichen  Zustand  ihres  Landes  bekannt
  zu  geben.  Englische  Zeitungen  aber  sagen,  wie  sehr  die  Lebensmittel
  geschwunden  sind,  wie  schwer  die  Versorgung  des  Volkes  geworden
ist.  Mit  Recht  hat  der  Reichskanzler  darauf  hingewiesen,  daß  die  Programmrede
  Wilsons  für  uns  keine  geeignete  Grundlage  für  Friedensverhandlungen
sein  kann.  Es  ist  bedauerlich,  daß  bei  uns  die  leitenden  Staatsmänner
sich  so  selten  öffentlich  zu  den  Reden  feindlicher  Staatsmänner  äußern.
Unser  Volk  ist  fortgesetzt  den  Einflüssen  der  Reden  dieser  Staatsmänner
ausgesetzt.  Dem  muß  entgegengetreten  werden.  Die  Abwehr  darf  nicht
allein  den  Zeitungen  überlassen  werden.  In  der  Rede  Lloyd  Georges  ist
eine  Friedensneigung  nicht  zu  sehen.  Er  erklärte,  bis  zum  Tode  an  Frankreichs
  Seite  für  die  Gewinnung  Elsaß-Lothringens  zu  kämpfen.  In  den
14  Punkten  des  Wilsonschen  Friedensprogramms  ist  viel  Sentimentalität.
Ich  freue  mich,  daß  der  Reichskanzler  auf  die  Geschichte  Elsaß-Lothringens
eingegangen  ist.  Sie  zeigt,  daß  es  falsch  ist,  von  einer  Wiedergutmachung
eines  Unrechts  zu  sprechen.  Die  elsaß-lothringische  Fratße  ist  für  uns  undiskutierbar,
  kann  auch  nicht  auf  internationalen  Kongressen  behandelt
werden.  Was  in  dem  Wilsonschen  Programm  gesagt  wird,  bedeutet  die
Aufteilung  der  Türkei.  Einer  solchen  Belastungsprobe  dürfen  wir  unsere
Verbündeten  nicht  aussetzen.  Die  Integrität  der  Türkei  ist  zu  wahren.
Der  Reichskanzler  hat  gesagt,  wir  erstreben  keine  Annexion  Belgiens.  Das
deckt  sich  mit  dem,  was  meine  Freunde  wünschen.  Das  Verhalten  eines
Teiles  der  Presse  gegenüber  den  Verhandlungen  in  Brest,  die  Kritik  unserer
Unterhändler  war  unberechtigt  und  unseren  Interessen  schädlich.  Aber
es  war  nicht  nur  die  sog.  annexionistische  Presse,  die  hier  gefehlt  hat.
Auch  die  soz.  und  andere  Blätter  haben  da  gefehlt.  Gegen  die  Politik

#