Beuisches Reich. (März 20.—21.) 317
wirtschaft, Handel und Industrie in Verbindung gestanden: das waren die
Grosßzgrundbesitzer, die Schlotbarone, die Banken. Die Mangelhaftigkeit
dieses Systems stellte sich bald heraus, und so kam man zu den Kriegsgesellschaften
für die verschiedenen Wirtschaftszweige. Diese Gesellschaften
können ihre Aufgabe nur erfüllen, wenn sie volle Bewegungzfreiheit behalten
und wenn nicht auf dem Umwege über die Beamtenschaft wieder
die Großgrundbesitzer, die Banken und die Schlotbarone hier maßgebenden
Einfluß erringen. Abg. Giesberts hat das Hohe Lied der Arbeiterschutzgesetzgebung
gesungen: aber das bißchen Arbeiterschutz ist nur im ständigen
Kampfe der Regierung und dem hinter ihr stehenden Großkapital
abgerungen worden. Der Kampf um den Profit, der Klassenkampf wird
auch nach dem Kriege fortdauern. In diesem Kriege wird der Mittelstand
aufgerieben, und häuft das Kapital immer größere Reichtümer auf. Alle
Arbeiter werden nach dem Kriege zusammenstehen müssen.
Abg. Dr. Stresemann (Natl.): Zweifellos ist in diesem Kriegsjahre
die Lage unseres Wirtschaftslebens immer schwieriger geworden. Andererseits
ist es nicht zu bestreiten, daß, trotzdem wir vom Weltmarkte abgeschlossen
sind, unsere deutsche Wirtschaft in ungebrochener und unzerbrechlicher
Kraft steht. Diese Tatsache wiegt schwerer als manche einzelne unerfreuliche
Erscheinung im Kriege. Der Kongreß des deutsch-österr.-ung.
Wirtschaftsbundes hat gezeigt, daß der Gedanke eines festen Zusammenschlusses
zur gemeinsamen Aufnahme gegen den Wirtschaftskampf, den unsere
Gegner nach dem Kriege gegen uns planen, sich immer mehr und allgemeiner
Bahn gebrochen hat. Diese Tagung ist gewissermaßen eine Antwort
auf die Pariser Wirtschaftskonferenz. Der Staatssozialismus hat
keine Zukunft. Das neue Prinzip des vaterländischen Hilfsdienstes
führt zur Stillegung der Klein= und Mittelbetriebe, zur Allmacht der großen
und größten Betriebe. Der Chef der Kriegsrohstoffabteilung, ein Major,
ist jetzt tatsächlich der mächtigste Mann im Deutschen Reiche. Im Zusammenhange
mit dem Hilfsdienstgesetz haben wir zwei Arten von Industrien,
die Munitions= und die Friedensindustrie. Damit werden Verhältnisse
geschaffen, welche die großkapitalistische Entwicklung stärken und
fördern, die kleinen Betriebe aber benachteiligen und erdrücken. Die Unterscheidung
zwischen Schwerst= und Schwerarbeitern wirkt in derselben Richtung,
sie führt indirekt zur Stillegung kleinerer Betriebe, denn die Arbeiter
gehen dahin, wo sie besser ernährt werden, und bleiben bei den kleinen
Friedensfabrikanten nicht, der ihnen die Vorteile für die Schwerst= und
Schwerarbeiter nicht bieten kann. Den wenigen Ausfuhrindustrien wird
das Leben ganz außerordentlich schwer gemacht. Die in Betracht kommenden
Aemter sollten ständige Zusammenkünfte abhalten, um sich über die
Einzelfragen klar zu werden. So könnte der schriftliche Instanzenweg aus
der Welt geschafft werden. Wie es jetzt geschieht, kann man dem neutralen
Auslande nur die Lust nehmen, mit Deutschland überhaupt noch in Handelsbeziehungen
zu treten. Auch bei Beschlagnahmungen wird mit einer
großen Rücksichtslosigkeit vorgegangen. Eng mit den handelspolitischen
Fragen hängen auch die Vertehrs= und Kanalprojekte zusammen.
Hier sollte man von Reichs wegen erst einmal eine Untersuchung anstellen,
welche Wasserstraßen notwendig sind und in welcher Reihenfolge sie gebaut
werden müssen. Hier stehen so große volkswirtschaftliche Fragen auf dem
Spiel, daß man wichtige Verkehrsfragen nicht an der finanziellen Kraft
ein zelner Bundesstaaten scheitern lassen darf. Nach meiner Meinung darf
bei Friedensschluß nicht sofort völlige Freiheit im Handel eintreten. Hier
ist eine Führung des Reiches nicht zu entbehren. Wir würden sonst zu
unerträglichen Zuständen kommen, wie in den ersten Monaten des Rrieges.