Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zehnter Jahrgang. 1869. (10)

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Die  süddeutschen  Staaten.

Leben  und  Weben,  eine  gesunde  Rührigkeit  hervorgewachsen.  Was  der  Stadt
gehörte,  was  ihr  Rath  seit  alten  Zeiten  verwaltete  und  in  Zeiten  der  Schwächung
  verlor,  ist  wieder  in  die  Hände  Derer  zurückgegeben,  denen  es  gehört
und  die  es  mit  tiefgreifender  Einsicht,  mit  Liebe  und  mit  Aufopferung  für's
allgemeine  Wohl  pflegen.  Aus  dem  Zustande  der  Bildungsanstalten  des  Volkes,
  welcher  mehr  und  mehr  schien  sich  dahin  zu  richten,  die  Spaltung  confessioneller
  Unterschiede  schroffer  auszubilden,  ist  ein  Zustand  der  Schule  geworden
  und  wird  sich  weiter  noch  blühender  bilden,  der  die  christliche  Liebe
und  Duldung  über  menschliche  Nebenabsichten  stellt,  der  eine  tüchtige  Bildung
in  allen  Theilen  des  Wissens  und  Könnens  fern  von  aller  Störung  durch
confessionelle  Hetzereien  als  das  Wichtigste  anerkennt,  was  wir  unsern  Kindern,
der  Zukunft  unserer  Gemeinde  geben  können.  Wir  wollen  keine  Spaltungen,
wir  wollen  Frieden  haben,  wir  wollen  kein  Zurückgehen  in  dunkle  Zeiten
roher,  fanatisirter,  ungerechter  Jahrhunderte,  wir  wollen  den  Fortschritt.  Wir
haben  dieselbe  Absicht,  dasselbe  Streben  bewegt  uns,  dem  unser  verdienter
Bürgermeister  so  thatkräftigen  Ausdruck  gab.  Wir  sprechen  öffentlich  unsern
warmen  Dank  für  sein  unbeirrtes,  jeder  Einschüchterung  unzugängliches  Vorgehen
  aus.  Wir  stehen  zu  ihm,  wir  haben  die  Verbesserungen  und  Bestrebungen,
welche  ihm  den  Tadel  der  kirchlichen  Behörde  zugezogen,  mitberathen  und  mitgelebt
  und  mitgefühlt,  und  keine  Schreckmittel  solcher  Art  können  uns  ängstigen
und  uns  abhalten,  die  Bahn  des  Fortschritts  und  der  freien  Bestimmung  zur
Durchführung  des  als  gut  Erkannten  zu  gehen.“

Die  vom  Pfarramt  in  Konstanz  aus  der  Maßregel  der  Curie  gezogene
Consequenz,  daß  der  Bürgermeister  nun  nicht  mehr  Mitglied  der  katholischen
Stiftungscommission  sein  könne,  wird  vom  Ministerium  ohne  Verzug  für  gesetzwidrig
  erklärt  und  der  Bürgermeister  angewiesen,  den  zweiten  Schlüssel  zur
Depositenkasse  zu  behalten  und  nöthigenfalls  das  Schloß  der  Kiste  abändern

zu  lassen.

Die  Sache  macht  bei  den  städtischen  Collegien  überall  in  Baden,  da  sie  in
ganz  ähnlicher  Lage  sind,  wie  diejenige  von  Konstanz,  gewaltiges  Aufsehen,
und  eine  Reihe  derselben  richtet  unter  dem  Vorgange  des  Gemeinderaths
und  Bürgerausschusses  von  Mannheim  Zustimmungsadressen  an  den  Excommunicirten.


15.  Jan.  (Württemberg.)  In  einer  Versammlung  der  Zollparlaments-



abgeordneten  wird  ein  Antrag  auf  Niederlegung  der  Mandate  und
auf  Appel  an  das  württ.  Volk  abgelehnt.

-  „  (Bayern.)  Der  von  der  Regierung  ausgearbeitete  erste  Entwurf

zur  Umgestaltung  der  Reichsrathskammer  wird  zurückgenommen,  um
vom  Ministerium  des  Innern  umgearbeitet  und  bald  gänzlich  fallen
gelassen  zu  werden.

Der  Wortlaut  oder  eine  authentische  Analyse  des  Entwurfs  ist  nicht  bekannt
  geworden.  In  einem  nordd.  Blatte  wurde  dagegen  eine  Analyse  mitgetheilt,
  der  wenigstens  weder  officiell  noch  officiös  widersprochen  worden  ist.
Demgemäß  sollte  nach  jenem  ersten  Entwurf  die  Umgestaltung  der  Kammer
durch  sechs  verschiedene  Gesetzentwürfe  bewerkstelligt  werden,  von  welchen  die
ersten  drei  die  bereits  bestehenden  Kategorien  der  erblichen  Reichsrathswürde
ihres  exklusiven  Charakters  zu  entkleiden  bestimmt  waren,  der  vierte  die  gleichfalls
  bereits  bestehende  Kategorie  der  vom  König  zu  ernennenden  Pairs  behandelte,
  und  der  fünfte  eine  neue  Kategorie  einführen  wollte,  während  der  sechste
mehr  reglementärer  Natur  war.

Der  erste  dieser  Gesetzentwürfe  habe  sich  mit  der  Abänderung  des  (Begriffs
  des)  Fideicommisses  beschäftigt,  und  verfügt,  daß  das  Recht,  Fideicommisse
zu  gründen,  nicht  mehr  ausschließlich  dem  Adel  zustehen  sollte,  sondern  daß