1. Capitel.
Die neuen Zollvereinsverträge.
Bismarck's wiederholte Erklärung, daß Preußen die
weitere Entwicklung der deutschen Einheit ganz und gar dem
freien Entschlusse der Südstaaten anheimstelle, und diese in
keiner Hinsicht drängen, vielmehr jedem auswärtigen Druck
auf ihren freien Willen mit aller Macht entgegentreten
würde, regte bei den süddeutschen Königreichen sehr gemischte
Gefühle an. Gewiß, sie wünschten durchaus nicht, gedrängt
zu werden, im Gegentheil, sie meinten, noch recht lange die
möglichst unbeschränkte Souveränität zu behaupten. Aber
bei der Stärke des Einheitsstrebens, welches auch bei ihren
Unterthanen zahlreiche und bedeutende Anhänger zählte, war
es nicht angenehm, für die Verzögerung des nationalen Werkes
so öffentlich und ausschließlich verantwortlich gemacht zu
werden. Ubrigens hatte in der That auch nach ihren Sonderinteressen
die Sache zwei Seiten. Denn die particulare
Unabhängigkeit, auf die man stolz war, bedeutete dem Ausland
gegenüber auch völlige Vereinzelung und folglich bleibende
Gefährdung. In dem bedeutendsten dieser Staaten, dem
Königreich Bayern, wo die innere Selbständigkeit höher als