348 Neuere oberstrichterliche Erkenntnisse.
5. 79 d. RSt GB. müssen zwei Fragen auselnandergehalten
werden, eine strafrechtliche, ob nemlich
in einem gegebenen Falle die Prinzipien des §. 79
und beziehungsweise den 88. 74—68 I1. c. überhaupt
zur Anwendung gebracht werden können, und
ob demnach auch eine Gesammtstrafe zu erkennen
ist, — dann eine prozessuale Frage, nemlich in
welchem Zeitpunkte das die Gesammtstrafe aussprechende
Urtheil erlassen werden kann. Für erstere
Frage ist die Rechtskraft des früheren Urtheiles
gleichgiltig, da unter der „früheren Verurtheilung“
im Sinne des cit. §. 79 keine bereits rechtskräftige
verstanden wird.
Vergl. oberstricht. Urth. v. 1. Februar 1873
UB. Nr. 44, abgedr. in der Sammlung wicht. Entscheidungen
2c. Bd. III S. 49; Urth. v. 11. September
1875 UB. Nr. 425 Sammlung Bd. V
S. 449; Urth. v. 30. Dezb. 1875 U. Nr. 595
Sammlg. Bd. V S. 578. — Die zweite Frage
muß dahln beantwortet werden, daß zur Erlassung
dieses Urtheils erst dann geschritten werden kann,
wenn das ältere Urtheil die Rechtskraft beschritten
hat, da vorher eine sichere Grundlage für die Festsetzung
einer Gesammtstrafe mangelt.
Wenn daher ein Beschuldigter wegen einer vor
der früheren noch nicht rechtskräftigen Verurtheilung
begangenen strafbaren Handlung vor Gericht gestellt
ist, so muß mit der Erlassung des neuerlichen Urtheils
so lange zugewartet werden, bis das früher
ergangene Urtheil rechtskräftig geworden ist, d. h.
es muß die neuerliche Aburthellung bis zu diesem
Zeitpunkte ausgesetzt werden, wozu die Artikel 137,
154, 319 des St p G. vom 10. Nov. 1848 und
unter gewissen Voraussetzungen auch Art. 306 l. c.
die erforderliche gesetzliche Handhabe bieten.
Gegen einen Vertagungsbeschluß findet keine
Berufung statt, weil dieses Rechtsmittel nur gegen