Full text : Deutschlands auswärtige Politik 1888-1914.

Zur  Einführung.

ie  erste  Auflage  dieser  Schrift  erschien  im  Frühjahr  1914  und  ist  im

Laufe  des  Jahres  1913  geschrieben  worden.  Damals  hatte  der  zweite
Balkankrieg  durch  den  Frieden  zu  Bukarest  sein  Ende  erreicht.  In  Europa
herrschte  wieder  Frieden,  und  in  Deutschland  war  die  Hoffnung  ebenso
wie  der  Glauben  beinahe  allgemein,  daß  der  Friede  dauern  werde.  Für
diesen  Glauben  war  vor  allem  eine  Hoffnung  maßgebend:  die  Hoffnung
auf  die  vielberufene  deutsch-englische  Verständigung.  Die  einschlägigen
Vertreter  der  Regierung  des  Deutschen  Reiches  hatten  diese  Hoffnung
und  dieses  Vertrauen  in  häufiger  Wiederholung  zum  Ausdruck  gebracht.
An  mehr  oder  minder  geheimnisvollen  Andeutungen,  was  alles  dafür
im  Werke  sei,  fehlte  es  nicht,  ganz  abgesehen  von  den  freilich  nur  ihrem
Dasein  nach  bekannten  Berhandlungen  zwischen  dem  Deutschen  Reiche
und  Großbritannien  über  die  portugiesischen  Kolonien  in  Afrika  und  von
den  Verhandlungen,  welche  das  Deutsche  Reich,  Großbritannien,  Frankreich
  und  die  Türkei  über  vorhandene  und  zukünftige  Eisenbahnen  in
Mesopotamien  und  Spyprien  pflogen.

Wie  nach  jeder  der  europäischen  Krisen  seit  Beginn  des  zwanzigsten
  Jahrhunderts,  so  herrschte  auch  dieses  Mal  im  Oeutschen  Reiche  das
Gefühl  und  die  Zuversicht,  es  sei  eine  „Entspannung“  eingetreten,  auch
habe  sich  wieder  einmal  gezeigt,  daß  alle  Großmächte  Europas  einig  gewesen
  seien  im  Wunsche  und  im  Bestreben,  der  Welt  den  Frieden  zu  erhalten.
  Die  Politik  des  Deutschen  Reiches  verfolgte  tatsächlich  dieses  Ziel
ebenso  aufrichtig,  wie  vertrauensselig,  wie  unbedingt.  Sie  befand  sich
außerdem  in  einer  irrigen  Auffassung,  wie  sie  im  Sommer  1914  dem  Verfasser
  in  dem  Worte  eines  deutschen  Staatomannes  entgegentrat:  die
anderen  Mächte  hätten  alle  eine  große  Angst  vor  dem  Deutschen  Reiche
und  wären  heilfroh,  wenn  wir  sie  nicht  angriffen;  sie  würden  uns  sicher
nicht  dangreifen.

Zu  diesen  Verhältnissen  und  Momenten  kam  die  Atmosphäre  wirtschaftlichen
  Gedeihens  und  Unternehmungsgeistes  in  Deutschland  mit  der
weitverbreiteten  Auffassung,  die  Zeit  arbeite  automatisch  für  das  Deutsche
Reich  und  Volk.  Man  brauche  nur  noch  einige  Jahre  sich  friedlich  durchzulavieren,
  dann  werde  der  Frieden  überhaupt  nicht  mehr  gefährdet