Volltext : Rosenheimer Anzeiger. 63. Jahrngang (63)

116  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Juli  28.  —  Aug.  2.)

Der  Prozeß  war  in  der  Presse  lebhaft  verfolgt  worden;  das  Urteil
wird  außer  in  der  konservativen  als  eine  Niederlage  der  Staatsanwaltschaft
und  Schmälerung  des  Ansehens  der  Justiz  betrachtet.  Der  Prozeß  wird
als  ein  überflüssiger  Dienst,  den  Deutschland  Rußland  geleistet  habe,

etrachtet.

28.  Juli.  (Berlin.)  Der  Handelsvertrag  mit  Rußland
wird  untergeichnet.  —  Obgleich  er  nicht  veröffentlicht  wird,  greifen
ihn  liberale  Blätter  heftig  an;  er  enthalte  eine  Preisgebung  der
Industrie  zugunsten  der  Landwirtschaft.

Ende  Juli.  Die  Presse  über  die  Ermordung  Plehwes.

„Münchener  Post“  (Soz.):  „Einen  der  größten  Schurken  im  beamteten
  Rußland  hat  sein  Schicksal  erreicht.  Der  Mord,  dessen  geschäftiger
und  schuftiger  Diener  er  war,  das  Verbrechen,  in  dem  er  es  zur  höllischen
Vollkommenheit  gebracht  hatte,  hat  sich  gegen  ihn  gewendet.  Den  blutigsten
Büttel  Rußlands,  den  gemeinsten  Peiniger  des  russischen  Volkes,  den  Henker
Finnlands  hat  eine  Bombe  getötet.  Und  wenn  ein  offenes  Wort  im
russisch  geknuteten  Deutschland  noch  gesagt  werden  darf:  Der  Tod  war
für  diesen  verruchten  Halunken  zu  ehrlich.“

„Deutsche  Tageszeitung“:  „So  geschehen  eine  Woche  nach  dem
Königsberger  Prozeß,  in  dem  die  Sozialdemokraten  ihre  Verbündeten  in
Rußland  als  die  harmlosen  Kinder  darstellten,  gleichzeitig  aber  eine  Hetze
gegen  die  dem  Deutschen  Reich  befreundete  russische  Regierung  losließen,
die  in  einem  Gerichtssaal  bisher  unerhört  war.  Ob  diese  Reden  nicht  auch
einigen.  Einfluß  auf  den  Entschluß  zur  Ermordung  Plehwes  ausgeübt

haben?“

„Kreuzzeitung“:  „Herr  v.  Plehwe  war  ...  ein  ganzer  Mann  und
dazu  ein  Mann  mit  einem  Programm,  an  dessen  Ausführbarkeit  er  ehrlich
glaubte  und  von  dessen  Durchführung  er  die  Gesundung  Rußlands  erwartete.
  Er  konnte  diesem  Ziele  zuliebe  hart  und  rücksichtslos  sein;  unzweifelhaft
  aber  war  er  ein  russischer  Patriot.  Nikolaus  II.  verliert  in
ihm  den  Mann,  auf  dessen  Urteil  er  das  meiste  Gewicht  legte.  Eine  furchtbare
  Lücke  wird  sich  fühlbar  machen.“

Die  liberalen  und  Zentrumsblätter  erklären  meist,  daß  die  Tat  bei
den  russischen  Verhältnissen  nicht  überraschend  sei.  Nur  ein  Systemwechsel
in  Rußland  würde  solche  Verbrechen  unmöglich  machen.

Juli.  August.  Infolge  der  anhaltenden  Dürre  erleidet  die
Flußschiffahrt  große  Störungen.  Z.  B.  stellt  die  sächsisch-böhmische
Dampfschiffahrtsgesellschaft  den  Betrieb  auf  der  Elbe  gänzlich  ein
(2.  August).  Für  Schlesien  wird  von  der  Eisenbahn  eine  Frachtermäßigung
  für  Futtermittel  um  50  v.  H.  gewährt.

2.  August.  Vorschläge  zur  Personentarifreform.

Der  Präsident  des  deutschen  Handelstages  veröffentlicht  eine  Denkschrift
  vom  20.  Juli  über  die  Reform  der  Personentarife  auf  den  Eisenbahnen,
  worin  folgende  Vorschläge  gemacht  werden:  1.  Feststellung  der
Preise  einfacher  Fahrkarten  auf  die  Hälfte  der  jetzt  in  Preußen  für  Rückfahrkarten
  zu  zahlenden  Preise;  2.  Beseitigung  der  Zuschläge  für  Schnellzüge;
  3.  erhebliche  Ermäßigung  der  Gepäckfracht  unter  Beseitigung  des
Freigepäcks;  4.  Beibehaltung  der  vierten  Wagenklasse.