Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Greßbritaunien.  (Juli  26.)  317

einer  solchen  Verständigung  zu  gelangen,  wie  sie  die  Befürworter  der  Entschließung
  angeregt  haben.  Die  Arbeiter  des  Landes  sind  unbeugsam  zum
Siege  entschlossen.  Während  Macdonald  und  seine  Freunde  ihren  Zielen
als  einer  frommen  Hoffnung  Ausdruck  geben,  sind  sich  die  Arbeiter  darüber
klar,  daß  sie  dafür  kämpfen  müssen  (Beifall),  und  daß  sie  nur  durch  Kampf
erreicht  werden  können.  Die  Annahme  der  vorliegenden  Entschließung
*  die  vorgegebene  Wirkung  nicht  haben,  und  ich  kann  sie  nicht  unterützen.


Schatzkanzler  Bonar  Law  erklärt,  die  Antragsteller  lebten  nicht  in
der  Welt  der  Wirklichkeit  und  hätten  kein  Verständnis  für  die  wirkliche
Frage,  die  in  der  Welt  ausgekämpft  werde.  Wir  haben  gefunden,  und  das
ist  das  Wesentliche  von  allem,  daß  Deutschland  diesen  Krieg  begann,  weil
es  planmäßig  zu  der  Schlußfolgerung  gekommen  war,  daß  er  die  Größe
Deutschlands  vermehren  werde.  Das  ist  die  Streitfrage.  Es  ist  nicht  ein
Kampf  zwischen  einer  Art  von  Imperialismus  und  einer  anderen.  Es  ist
ein  Kampf  zwischen  Recht  und  Unrecht;  es  ist  ein  Kampf  darum,  ob  moralische
  Kraft  oder  Schlechtigkeit  in  den  kommenden  Tagen  die  Welt  regieren
solle.  Die  neue  Sitlnation,  welche  die  Antragsteller  anführen,  ist  die  Resolution
  im  Reichstage.  Aber  in  seinem  Antrag  gab  uns  Macdonald  zwar
eine  volle  Uebersetzung  der  Resolution,  ließ  aber  merkwürdigerweise  etwas
aus.  Die  Reichstagsresolution  sagt,  eine  der  Friedensbedingungen  sei  „die
Freiheit  der  Meere“.  Davon  steht  in  dem  engl.  Antrag  nichts.  Was
bedeutet  das?  Asquith  hat  bereits  die  Umstände  auseinandergesetzt,  unter
denen  die  Resolution  angenommen  wurde.  Sie  kam  als  Ergebnis  einer
Krisis  zustande.  Es  wurde  versucht,  etwas  zu  machen,  um  die  Krisis  beizulegen.
  Das  Unterhaus  möge  sich  keinen  Augenblick  darüber  täuschen,  daß
gerade  diese  Worte  der  Grund  gewesen  sind,  der  einen  großen  Teil  des
Reichstages  bewog,  diesen  Beschluß  zu  fassen.  Was  verstehen  die  Deutschen
unter  „Freiheit  der  Meere“?  Das  hat  nur  eine  Bedeutung.  In  Friedenszeiten
  wird  die  Frage  überhaupt  nicht  aufgeworfen,  sondern  nur  in  Kriegszeiten.
  Die  Bedeutung  ist,  und  es  kann  keine  andere  Bedeutung  damit
verbunden  werden,  daß  im  Kriege  eine  Nation  mit  einer  Flottenmacht
diese  Macht  nicht  gebrauchen  dürfe,  während  eine  Nation  mit  einer  Heeresmacht
  keinen  Einschränkungen  unterworfen  sein  soll.  Man  beklagt  sich,  daß
wir  auf  diese  Resolution  nicht  genug  geachtet  hätten.  Das  ist  aber  nicht
deshalb  der  Fall,  weil  wir  sie  nicht  bemerkt  hätten  oder  weil  wir  uns
nicht  darüber  freuten,  nämlich  über  den  darin  zum  Ausdruck  kommenden
Wechsel  in  den  Gefühlen  Deutschlands.  Welche  Wirkung  jedoch  sollte  sie
auf  uns  haben,  wenn  wir  die  augenblickliche  Kriegslage  ansehen?  Ramsay
Macdonald  hat  uns  gesagt,  der  Reichstag  besitze  nicht  ein  Atom  der  Autorität,
  die  das  Haus  der  Gemeinen  hat.  Dies  ist  wahr.  Was  bringt  es  dann
für  Nutzen,  an  Resolutionen  einer  Körperschaft,  die  nicht  die  geringste
Macht  besitzt,  irgendwelche  Folgerungen  zu  knüpfen,  während  wir  doch
wissen,  daß  diejenigen,  mit  denen  wir  Krieg  führen,  von  anderen  beherrscht
werden,  die  von  jenen  Ansichten  nicht  geleitet  sind  und  nicht  im  geringsten
durch  irgend  jemandes  Resolutionen  beeinflußt  werden?  Macdonald  hat
uns  erzählt,  daß  die  Resolution  angenommen  wurde,  gerade  ehe  der  neue
Reichskanzler  sein  Amt  antrat  und  daß  man  sie  als  Richtlinie  seiner
Politik  ansehen  könne.  Ich  will  dem  Hause  die  Ansichten  des  Führers  der
deutschen  sozialistischen  Minderheit  vorlesen.  Fast  jedes  Blatt  in  Deutschland
  hat  über  die  Resolution  eine  verschiedene  Auffassung  zum  Ausdruck

ebracht;  sie  scheint  etwas  bedeuten  zu  sollen,  das  jedermann  zufrieden  stellt.
Folgendes  sagte  der  Herr,  auf  den  ich  mich  bezogen  habe:  Wie  kam  der
neue  Kanzler  an  die  Stelle,  die  er  jetzt  einnimmt?  Das  Parlament  war