Full text : Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

April  16.

350  1611  144.

144.  Bescheid  des  Kurfürsten  von  Mainz  auf  die
Werbung  der  Gesandten  des  Königs  Matthias.

[Die  Werbung  geschah  am  15.  April  und  bestand  in  einer
geschichtlichen  Darstellung  dessen,  was  sich  seit  dem  Vertrag  von
Lieben,  besonders  aber  seit  dem  prager  Konvent  bis  zum  Einfall
des  passauer  Volks  in  Prag  zwischen  den  Brüdern  zugetragen  hatte,
und  schloss  mit  der  Aufforderung  an  den  Kurfürsten  als  den
„Prinzipal‘‘  des  geschlossenen  Vertrags,  zu  erwägen,  ob  diesem  Vertrag,
besonders  aber  dessen  7.  Artikel  wegen  Abführung  des  Kriegsvolks
nachgelebt  worden  sei  und  mit  der  Bitte,  dem  König  mit  Rat,  Volkund
  Geldhilfe  beizuspringen].!

Der  Kurfürst,  der  stets  auf  Zuhaltung  des  neuen  Vertrags
gehofft  hatte,  ist  von  diesem  beschwerlichen  Zustand  schmerzlich
berührt;  er  weiss  nicht  einmal,  weshalb  dieser  Einbruch  des  passaner
Volks  geschehen  und  ob  er  mit  Zustimmung  des  Kaisers  erfolgt  ist,
der  leicht  denken  konnte,  es  würde  ihm  dies  sowol  beim  König  wie
bei  den  fürstlichen  Unterhändlern  „ungleichen  Verstand‘  bringen.
Sobald  er,  der  Kurfürst,  vom  König  wie  auch  von  anderer  Seite  von
diesen  Vorkommnissen  nnterrichtet  worden  war,  hat  er,  obwol  die
Nachrichten  differierten,  sowol  beim  Kaiser  als  auch  an  andern
Orten  zur  Einhaltung  des  Vertrags  und  Abdankung  des  Kriegsvolks
eifrig  gemahnt,  wie  der  König  dies  selbst  weiss.  Nun  erwartet  der
Kurfürst  zwar  immer  noch  die  vom  Kaiser  verheissene  zuverlässige
Information  darüber,  was  es  mit  jenem  Einfall  auf  sich  hatte;  aber  seine
Hoffnung,  dass  der  Kaiser  nichts  wider  den  Vertrag  tun  werde,  ist  durch
die  ausdrückliche  Erklärung  in  den  Schreiben  und  Instruktionen
des  Kaisers  an  den  König  bestärkt  worden,  von  denen  er  zum  Teil
durch  einen  der  in  Prag  gewesenen  Kurfürsten  Kenntnis  hat.  Von
dieser  Hoffnung  lässt  der  Kurfürst  umso  weniger  als  er  (abgesehen  von
dem  feindlichen  Gebahren  des  passauer  Volkes,  bei  dem  sich  eben
wie  sonst  nur  zu  oft  zeigt,  zu  welcher  Vermessenheit  ein  Kriegsvolk  bei
Mangel  an  Bezahlung  ohne  Zutun  der  Feldherrn  und  Obern  kommen
kann)  jüngst  vernommen  hat,  wie  freundlich  der  Kaiser  gegen  den  König
und  dieser  auch  hinwieder  sich  zu  brüderlicher  Affektion  erboten
haben;  der  Kurfürst  erwartet  daher,  der  Kaiser  werde  dem  König  nicht
nur  eine  befriedigende  Erklärung  geben,  die  ihm  alles  Verdachts
ungleicher  Gesinnung  gegen  den  Bruder  entheben  wird,  sondern
auch  alles  übrige  so  vereinbaren,  dass  es  zu  beständiger  Eintracht
zwischen  zwei  so  hohen  Potentaten  gereichen  mag.

Demnach  wird  der  König  leicht  ermessen  können,  dass  der  Kurfürst
  in  Unkenntnis  der  eigentlichen  Absichten  des  Kaisers  sich  auf
das  Begehren  um  Hilfe  (das  nach  der  erfolgten  Zusammenkunft

ı  Wmz.,  Reichstagsakten,  Bd.  103c,  no.  31;  Kopie;  die  (Gesandten
waren  Teufel  und  Wacker.  Vgl.  oben  no.  125,  8.  306,  Anm.  4.