Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1900. (34)

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Der  einst  mit  frischem  Grün  sich  hieß  belauben


Den  dürren  Stab  in  seines  Priesters  Hand,

Ließ  er  mir  jedes  Heiles  Täuschung  rauben,

Da  auch  des  letzten  Trostes  Täuschung

wand,

Im  Inm'ren  stärkt'  er  mir  den  einen  Glauben,

Den  an  mich  selbst  ich  in  mir  selber  fand:

Und  wahrt  ich  diesem  Glauben  meine  Treue,

Nun  schmückt’  er  mir  den  dürren  Stab  aufs
neue.

Was  einsam  schweigend  ich  im  Inw'ren  hegte,
Das  lebte  noch  in  eines  andren  Brust;
Was  schmerzlich  tief  des  Mannes  Geist  erregte,

Erfüllt  ein  Jünglingsherz  mit  heil'ger  Lust:
Was  dies  mit  Lenzessehnsucht  hinbewegte
Zum  gleichen  Ziel,  bewußtvoll  unbewußt,
Wie  Frühlingswonne  mußt'  es  sich  ergießen,
Dem  Doppelglauben  frisches  Grün  entsprießen.


 

110.  Der  Feldzug  vom  Jahre  1866  in  Süddeutschland.

Du  bist  der  holde  Lenz,  der  neu  mich  schmückte

Der  mir  verjüngt  der  Zweig’  und  Aste  Saft:

Es  war  dein  Ruf,  der  mich  der  Nacht  entrüchte,


Die  winterlich  erstarrt  hielt  meine  Kraft.

Wie  mich  dein  hehrer  Segensgruß  entzüchte,


Der  wonnestürmisch  mich  dem  Leid  entrafft,

Ho  wandl  ich  stolzbeglüchkt  nun  neue  Pfade

Im  sommerlichen  Königreich  der  Gnade.

Wie  könnte  nun  ein  Wort  den  Sinn  dir

zeigen,
Der  das,  was  du  mir  bist,  wohl  in  sich  faßt?
Neun'  ich  kaum,  was  ich  bin,  mein  dürftig
Eigen,
Bist,  König,  du  noch  alles,  was  du  hast:
So  meiner  Werke,  meiner  Taten  Reigen,
Er  ruht  in  dir  zu  hold  beglüchter  Rast:
Und  hast  du  mir  die  Sorge  ganz  entnommen,
Bin  nun  ich  um  mein  Hoffen  selbst  gekommen.


Ho  bin  ich  arm  und  nähre  nur  das  eine,
Den  Glauben,  dem  der  deine  sich  vermählt:
Er  ist  die  Macht,  durch  die  ich  stolz  erscheine,
Er  ist's,  der  heilig  meine  Liebe  stählt.

Doch  nun  geteilt,  nur  halb  noch  ist  er  meine,

Und  ganz  verloren  mir,  wenn  dir  er  fehlt.
Ho  gibst  nur  du  die  Kraft  mir  dir  zu  danken
Durch  khöniglichen  Glauben  ohne  Wanken.

110.  Der  Feldzug  dom  Jahre  1866  in  Süddeutschland.
Von  Heinrich  Friedjung.))

Die  preußische  Hauptarmee  war  unter  persönlicher  Führung  Moltkes
binnen  vier  Wochen  von  der  sächsischen  Grenze  bis  an  die  Donau  vorgedrungen.
Auch  im  mittleren  Deutschland  fiel  den  Waffen  König  Wilhelms  ein  Erfolg
nach  dem  anderen  zu:  alle  deutschen  Stämme  bekamen  in  diesem  Feldzuge  die
militärische  Überlegenheit  Preußens  zu  sühlen.  Unmittelbar  nachdem  die  Hannoveraner
  bei  Langensalza  am  29.  Juni  die  Waffen  gestreckt  hatten,  erhielt
General  Vogel  von  Falckenstein  Auftrag  die  süddeutschen  Staaten  zu
unterwerfen.  Falckenstein  hatte  durch  den  Feldzug  im  Norden  alles  Wünschenswerte
  erreicht,  aber  nicht  ohne  von  seiner  Aufgabe  mehrmals  abgewichen  zu

1)  „Der  Kampf  um  die  Vorherrschaft  in  Deusschlan  1859  bis  1866“,  II.  Band,
S.  439  ff.  Stuttgart  und  Berlin  1905“,  J.  G.  Cott