298 Das Vesche Reich und seine einfelnen Glieder. (Mai 30.)
30. Mai. (Potsdam.) Der König und die Königin von
Belgien machen ihren ersten Besuch im Auslande beim Deutschen
Kaiserpaar (siehe Belgien).
30. Mai. (Preußisches Herrenhaus.) Auseinandersetzung
zwischen dem Direktor der Deutschen Bank, v. Gwinner, und dem
Finanzminister, Frhrn. v. Rheinbaben, über Finanzverwaltung.
Direktor v. Gwinner: Ich bin der Ansicht, daß wir weder ein
Defizit haben, noch eine Defizitanleihe nötig haben, und deswegen sehe ich
keinen Grund, weswegen wir das vor der Welt so darstellen. Ich habe
auch nicht empfohlen, ein wenig mehr Schulden zu machen. Ich habe nur
empfohlen, daß wir keine Defizitanleihe aufnehmen möchten, sondern eine
Eisenbahnanleihe. Unserer Finanzverwaltung fehlt es an der fachwissenschaftlichen
Einsicht. Vor 30 Jahren waren die preußischen Finanzen eine
einfache Verwaltung, inzwischen hat sich vieles geändert, namentlich durch
die Verstaatlichung der Eisenbahnen. Durch diese Verstaatlichung haben
wir das größte Geschäft der Welt übernommen und dieses Geschäft wird
technisch gut durchgeführt. Die Eisenbahnverwaltung leistet jetzt Außerordentliches.
Wir sparen jährlich jetzt 80 Millionen Mark. Aber die
Finanzverwaltung ist nicht in Ordnung, hier hapert es bedenklich, das
muß ich offen sagen. Wir haben es nicht verstanden, die Finanzen in dem
Maße weiter zu entwickeln, wie es unter Miquel geschah. Wir haben es
nicht verstanden, das Anleihegeschäft finanziell ordentlich zu führen. Das
Jahr 1907 hat die schwerste Krisis gesehen, die jemals über die Welt gegangen
ist. Wer von den Geschäften etwas versteht, der hat Anfang Januar
die Segel eingezogen und sich vorbereitet auf einen schweren Sturm. Es
ist im März eine Krisis gekommen, wie wir sie noch nicht erlebt hatten.
Als die ganze Welt schwer erschütlert war, kam der preußische Staat mit
seiner großen Anleihe auf den Markt, was vollkommen verkehrt war. Der
Finanzminister hat in diesem Jahre gesagt, die Lage sei noch immer ernst.
Wir befinden uns mitten in der günstigen Konjunktur und ich fürchte,
wenn das die preußische Finanzverwaltung einsehen wird, wird die gute
Konjunktur wieder vorüber sein. Wer nicht mit dem weitschauenden Blick,
von dem der Finanzminister neulich gesprochen hat, die Verhältnisse zu
beobachten in der Lage ist, der kann nicht richtig disponieren. Daher
kommt es auch, daß unsere Industrie nicht beschäftigt wird, wo es nötig
ist. Wir belasten die Industrie mit Aufträgen, die sie gar nicht liefern
kann. Die Schuld der Finanzverwaltung ist es, daß die Aufträge zu
gleicher Zeit gegeben werden. Es gehört Talent zu allem, zum Borgen
gehört aber Genie. Das hat aber bei den Anleihen gefehlt. Man kann
nur borgen, wenn die andern wollen, und das richtig zu beurteilen, ist
nicht leicht. Auf die Gefahr hin, mich bei allen meinen Standesgenossen
unbeliebt zu machen, will ich offen aussprechen, wie besser geborgt werden
könnte. Wir können von andern Ländern lernen. Frankreich hat große
Eisenbahngesellschaften. Diese Gesellschaften haben 1908 305 Millionen
Francs neu aufgenommen. Ich habe in keiner Zeitung eine Ankündigung
dieser Anleihe gesehen, das ist stillschweigend geschehen, aber bei den Bahngesellschaften
ist die Anzeige ausgehängt. Der Staat sollte etwas mehr
in den Markt eingreifen durch die Seehandlung. Sämtliche deutschen
Oypothekenbanken verkauften Pfandbriefe an vielen Stellen, aber nur in
Berlin an der Börse verkaufen sie nicht, sondern kaufen sie. Die deutsche
Anleihe hat jetzt ungefähr den schlechtesten Kurs aller Anleihen aller Groß-