Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1902. (36)

—  208  —

Verläßt  das  Schiff  vor  Ablauf  der  Frist  den  Hafen,  so  kann  der  Schiffsmann
  auch  bei  dem  Kapitän  zu  Protokoll  oder  schriftlich  innerhalb  der  Frist
Einspruch  einlegen.  Dem  Schiffsmann  ist  auf  Verlangen  eine  Bescheinigung
über  den  erhobenen  Einspruch  einzuhändigen.  Der  Kapitän  hat,  sobald  es  geschehen
  kann,  den  Einspruch  in  das  Schiffstagebuch  einzutragen  und  den  Antrag
dem  Seemannsamte  zu  übersenden.  Die  Verjährung  ruht  von  der  Einlegung
des  Einspruchs  bis  zum  Eingange  des  Antrags  beim  Seemannsamte.

Hat  das  Seemannsamt  seinen  Sitz  im  Inlande,  so  ist  für  das  weitere
Verfahren  dasjenige  Gericht  örtlich  zuständig,  in  dessen  Bezirke  dieser  Sitz  belegen
  ist.  Hat  es  seinen  Sitz  im  Auslande,  so  ist  dasjenige  Gericht  örtlich  zuständig,
  in  dessen  Bezirke  sich  der  inländische  Heimathshafen  oder  in  Ermangelung
eines  solchen  der  Registerhafen  des  Schiffes  befindet;  fehlt  es  an  einem  hiernach
zuständigen  deutschen  Gerichte,  so  wird  das  Gericht  von  dem  Reichsgerichte
bestimmt.

§.  125.

Der  Bescheid  des  Seemannsamts  ist  in  Betreff  der  Beitreibung  der  Geldstrafe
  vorläufig  vollstreckbar.  

Die  Vollstreckung  der  Strafbescheide  der  inländischen  Seemannsämter
erfolgt  durch  die  landesgesetzlich  hierzu  bestimmten  Behörden.  Die  Vollstreckung
der  von  einem  Seemannsamt  im  Ausland  erlassenen  Strafbescheide  erfolgt
gebührenfrei  durch  dieses  selbst,  wobei  der  Kapitän  den  auf  Beitreibung  der  Geldstrafe
  gerichteten  Anordnungen  des  Seemannsamts  Folge  zu  leisten  hat;  die
Vorschriften  der  §§.  811,  850  der  Civilprozeßordnung  über  die  Unpfändbarkeit
von  Sachen  und  Ansprüchen  finden  entsprechende  Anwendung.

Die  im  Abs.  2  bezeichneten  inländischen  Vollstreckungsbehörden  haben  auf
Ersuchen  auch  die  von  einem  Seemannsamt  außerhalb  ihres  Amtsbereichs  erlassenen
  Strafbescheide  gegen  die  innerhalb  ihres  Amtsbereichs  befindlichen  Personen
zu  vollstrecken.  Auf  die  Erledigung  des  Ersuchens  finden  die  Vorschriften  des
Gesetzes  über  den  Beistand  bei  Einziehung  von  Abgaben  und  Vollstreckung
von  Vermögensstrafen  vom  9.  Juni  1895  (Reichs-Gesetzbl.  S.  256)  entsprechende
  Anwendung.

§.  126.

Begeht  ein  Schiffsmann,  während  das  Schiff  sich  auf  der  See  oder  im
Auslande  befindet,  ein  Vergehen  oder  Verbrechen,  so  hat  der  Kapitän  unter  Zuziehung
  von  Schiffsoffizieren  und  anderen  glaubhaften  Personen  alles  dasjenige
genau  aufzuzeichnen,  was  auf  den  Beweis  der  That  und  auf  deren  Bestrafung
Einfluß  haben  kann.  Insbesondere  ist  in  den  Fällen  der  Tödtung  oder  schweren
Körperverletzung  die  Beschaffenheit  der  Wunden  genau  zu  beschreiben,  auch  zu
vermerken,  wie  lange  der  Verletzte  etwa  noch  gelebt  hat,  ob  und  welche  Heilmittel
angewendet  sind  und  welche  Nahrung  der  Verletzte  zu  sich  genommen  hat.