Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

 

4606  Hans  Ubersberger

vorüber.  Es  ist  nicht  unwichtig,  daß  von  russischer  Seite  festgestellt  wurde,
daß  an  dem  Konflikte  Rußlands  mit  Bulgarien  dic  nach  ausländischen
Absatzmärkten  begchrliche  russische  Eisenindustric  und  die  russischen
Unternehmer  von  Eisenbahnbanten  keinen  geringen  Anteil  hatten.  Sie
waren  es,  derentwegen  die  russische  Regierung  Bulgarien  zu  bewegen
suchte,  die  Eisenbahnbanten  der  russischen  Industrie  zu  übertragen,  wobei
  sie  sich  natürlich  auch  bemühte,  daß  jene  Linien  gebaut  werden,  die
im  Kriege  von  1877  sich  als  die  Hauptoperationslinien  der  russischen
Armce  gezeigt  hatten,  also  die  Linien  von  der  Donau  nach  dem  Süden.
Moan  legte  es  dem  Fürsten  Alexander  Battenberg  als  „Verrat“  Rußlands
  aus,  daß  er  an  der  Westrichtung  der  bulgarischen  Eisenbahnen
Festhielt,  die  diese  nicht  mit  dem  russischen,  sondern  mit  dem  österreichischen
  Eisenbahnnetz  verband,  um  so  mehr  als  dieses  Projekt  für  die
Ausführung  um  das  Ooppelte  billiger  war.  Diese  Eisenbahnfrage
gab  den  Ausschlag,  daß  man  in  Petersburg  sich  so  scharf  gegen  den  Fürsten
  Alexander  wandte.  Nach  dem  Planc,  den  der  russische  General
Sobolev,  der  bulgarische  Ministerpräsident,  vertrat,  sollten  die  Eisenbahnen
  in  Bulgarien  nicht  nur  von  russischen  Unternehmern  und  russischen
Ingenieuren,  sondern  auch  von  russischen  Arbeitern,  die  zu  diesem  Zwecke
aus  Rußland  gebracht  werden  sollten,  gebaut  werden.  MAatürlich  sollte
Rußland  auch  dic  Lieferung  des  ganzen  Fahrparks  erhalten.2:)

Der  Konflikt  mit  Bulgarien  war  auch  der  letzte  Anlaß  zum  Abschluß
des  russisch-französischen  Bündnisses.  Versuche  dazu  wurden  ja  von
französischer  Seite  eigentlich  schon  seit  den  siebziger  Jahren  gemacht.
Der  Zusammenbruch  des  Dreikaiserbündnisses,  wenn  man  auch  von
einem  formellen  Bündnisse  nicht  sprechen  darf,  eröffnete  nun  der  französischen
  Regicrung  günstigere  Aussichten.  Die  ablehnende  Antwort,
die  der  französische  Minister  des  Außern  Flourens  der  bulgarischen
Deputation,  die  im  Fannar  1887  nach  Paris  gekommen  war,  um  Hilfe
der  curopaischen  Kabinette  gegen  Rußland  zu  erbitten,  erteilt  hatte,
versöhnte  dic  russische  Regierung  mit  der  französischen  Republik,  die
sich  einst  geweigert  hatte,  den  Revolutionär  Hartmann,  der  auf  Alexander
  II.  ein  Attentat  unternommen,  anszuliefern.  Als  durch  dic  herausfordernden
  Kriegsvorbereitungen  des  französischen  Kriegsministers
Boulanger  ein  Konflikt  mit  Dentschland  in  nächste  Aähe  gerückt  schien,
ist  Rußland  auf  die  Seite  Frankreichs  getreten  und  hat  im  Falle
„Schnäbele“  gegen  Oeutschland  Stellung  genommen.  Das  geschah  im
April  1887,  also  vier  Monate  nach  der  Abweisung  der  bulgarischen

21)  Vgl.  Pokrovskij,  Vlnésnaja  Politika  Rossij  v  koncé  XIX  véka,  Granat,
Istorija  Rossii  v  XIX  veké,  9,  S.  20  ff.