Rosenheimer Anzeiger
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Rosenheimer Tagblatt
Kuner 278 1 Ka## 1. Adventsonntag
Wohin?
Von geschätzker Seite wird uns geschrieben:
Der erste „Monat der Nevolution geht zu
SEnde. Die Frage liegt nahe, was in diesem
Monat erreicht wurde, wenn man von dem vollbogenen
Umsturz absieht. Das deutsche Volk
hal ihn anerkannt und Eint auf dem Voden der
reschaffenen Tatsache. Eine Reuktion ist aus.
beschlossen. Das ganze Volk mit Ausahme
einer lleinen gadtalen Gruppe — wil
endlich Ruhe und Frieden, Jowohl nach
innen, wie auch nach a ußen. Imerer und
mherer“ Frieden sind aber in unserer # Lage aufs
engste miteinander verknüpft. Der Waffenilillftand
mit seinen furcht#aren Härren kann nur
dann nicht zur vollen Auswirkung gelangen,
wenn er durch einen Vorfrieden überholt wird.
l
lier wie derum ist abhangig von de Verhandungsfähigkeit
der proviser schen Reichsregierung.
s genügt für uns
richt, daß diese Regierung sich selbst für verlankungssähig
hälnn. sondern daß unsere
Keinde von gesterm sie als verhandiungsfähig
merkennen. Dafür bekteht wenig Aussicht.
blange die westlichen Deno#tanten auch nur
den geringiten Iweifel an der Ueberwindung des
Nadikatismus in Doutschland hegen. Das heißt
u#f gut deutsch, daß die Entente nur dann mit
uns verhandeln wird. wenn sie uns die inncre
Kraft um Wiederaufbau zutraut. Ein solche-Hutrauen
können uns nicht Worte, sondern nur
Zaten gewimen.
Den Westmächten ihre Zweisel benehmen zu
lelfen ür daher Pllicht jedes männlichen und
weiblichen Deunschen. weil davon die Grund-*
gen unseres neuen Staatswesens, nämllich
(rot und Frieden abhängen. Wer das noch
i##4 erkanm hat, ist entweder blind oder er will
iicht fehen, weil er eigen süchtige poliricche Ziele
ersolg:, die mit dem Irtexesse der Bo n•
zesamtheikt nichts zu kun haben. 2 drin.
bende Interesse. der Volksgesamtheit erheischt
gebielerisch die Verfasung gebende, nicht Verkassung
sindende Nalioyalversammstt ng. un d
zwar nicht nur im Reich, sondern auch in den
kinzelstaaten. Auch in der Republik muß der
rUfammenhalt und föderative Charakter Deutsch.
ie gewahrt bleiben. Wir haben ein klasi—
rres Beispiel. wie man eine föderative Repn.
ölik aufbaut: die Vereinigten Staaten von Ame.
i'sa. Nicht mit Unrecht gilt der Begründer jener
mächtigen Demokratie, der große George Wa-"bington,
noch heute als der Vaier seines dankharen
Volkes.
Warum halten wir uns nicht an jenes Beipiel,
auf caß endlich hoffmingofrobes Grün aus
den Ruinen der Vergangenheit erblühe? Uebereil
wird verhandelt, überall wird geredet. Man
spieltHe eine Theorie gegen die andere aus,
und ur schönen Worte ist kein Ende. Warum?
Aas wird damit erreicht? Nichts! Handeln
nmir doch! „Der Worte sind genug gewechselt,
laßt mich auch endlich Taten seh'n.
Komplimente drechselt, kann etwas Nuhyliches
gescheh'n.“ ie Zeit drängt! Es gib
einen Weg, der zum Ziele führt. Scheidemann
hat ihn uns gezeigt. Beschreiten wir ihn sofortl
Beschreiten wir ihn sowohl im Reich al5s
such in den Einzelstaaten! Und zwar ganzohne
m Tendenz, nur um endlich an
einer Stelle in Deutschland ein fertiges
Staatsganz:s hinzustellen. Um endlich eine Tat
en gewähren! Der Wettlauf um die Ordmg
dürfte dann sogleich beginnen. Der Staatsmann,
ver jetzt unverzüglich eine lebensfähige Demokratie,
sei es im ganzen Reiche, sei es auch nur
in einem Einzelstaate, erschafft. wird den Dank
des ganzen Volkes ernten. Sein Name wird
auf ewig in der Geschichte glänzen. Wohlver-Kanden
kann diese Demokratie in ihrer Strultur
mir dem ahnlich oder sinnverwandt sein, was
wir heute bei den Westmächten vorsinden. An-5
le werden wir weder die französische Rachsucht
Sch den englischen Sieberdünge enlwaffven.
lichten wir uns aber bei dem Aufbau des
neuen, durch Teunsch-Sesterrolt, vermehrten
Staatenbundes, nach der Union, so werden uns
-unstreilig die Sympathien dieses emporblühen.
ken, mächtigen, kerngesunden und mit seiner Ver-—
die lleberwältigten —i
trauens
Indes ihr
Sonntag, 1. Dezember ##n
Jestsegung der Wahl zur Natiouall
Versammlung für den 16. Vebruar 191.
Ver Thronverzicht des Kaisers.
lieserung Wilhelm II.
D####Ensente verlangt die Aus-Will
Foch den Wasftenftillstand abbrechen?
Internierung der Armee Mackensen in Ungarn. —
Die Funkenfrationen
in Händen der Unadhängigen.
fassung seit mehr dem 150 Jahren zurfriedenen
Volles zuliegen. Diese Sympathien brauchen
wir! Vergesien wir nicht einen Augenblick,
daß wir heute ganyich freundlos und weltverlassen
daftchen. Daß wir für die wirklichen u.
angeblichen Mißgrisse des alten Regimes verantwortlich
gemacht wer'en. Daß wir nir gends
Vertrauen besitzen. Sompathie oder Freundschaft
kann aber nur auf dem Voden des Vergedeihen.
Darum sieelle jeder Einzelne,
aber auch jeder, seine eigenen Wünsche zurück
und biete die Hand zum schnellsten Aufbau
des Ganzen. Das Tempo und die Art dieses
Aufbaues werden über Sein oder Nichtsein, über
Leben oder Untergang, Friiheit oder Slklaventum
eines aus tausend Wunden blulenden wei,
sten Kulturvolkes von 80 Millionen entscheidend
sein! Das ilt eine unumstößtiche, durch nichs
hinwegmeiskutierende Wahrhe#n
Die Nevoluion richtete sich doch gegen jene
Welteroberer und Friedensfeinde, deren kriegsverlängernde
Politik laut jüngsten Zeitungsnachrichten
uns ins Elend gestürzt hat. Wohlan
denn! Will die Rrvolutiort, die unserem Volke
Unverzugrich Freiheit und Selbitbestimmung de.
scheren soll, durch üarrlirnigen, zandernden Dok.
trinarismus neues unsägliches Unheil über une
bringen? Wir wollen das keinesfalls glauben.
wollen vielmehr seit darauf vertrauen, daß dem
nicht so ist. Allein gar manchem weltfremden
Theoretiter und Schwärmer mun der erfahrene
Kener des Auslander heute lant und eindring.
Jich zurusen: Täusche dich nicht! Die Welt läßt:
sich nicht von dir revolutionieren. Sie länt
sich nicht deine Gedanken auszwingen. Die
siegesfrohen Heere und Völker unserer Feind:
werden ebensowenig ihre Fahnen mit den roten
Abzeichen vertauschen, wie sie diele bei uns anerkennen
oder dulden werden. Die Welt steht
im Leichen des Völkerbundes , so wie ihn
Wräsident Wilson verkündet hat, durchführen
wird, und nach Masgabe der unbegrenzten amerikanischen
Machtmittel zu unserem und der Welt
Heil auch durchführen kann! Lediglich im diesem
Zeichen steht heute die Welt, nicht aber
im Zeichen des internationalen roten Radikalismus.
Glaubst du das nicht, so gleichst du an
Urteilslosigkeit und Kumsichtigleit. an Unlerschätzung
des Auslandes und an törichter Selbst.
überhebung jenen gerade von dir so grimmig
besehdeten Imperialisten, die mit ihrem Hurrapatriotiemus
die Welt überwinden wollten. Damit
wärest du zu unser aller Schaden ebenso
unbelehrbar wie jene, denn du fülrtest uns nicht
Dinauf, sondern hinab.
Wer daher sein Volk und Vaterland liebt.
der hoffe nicht nur, sondern wirke auch dafür,
daß wir alle auf die Frage „wohin?“
mit Sbinauft“ antworten VWanr
das Hahrecht zur nanonalversammlung.
Berlin, 29. Nov. (Drahtb.) Der Rat der
Volksbeauftragten hat in seiner heutigen Eitzung
die Verordnung über die Wahlen zur Verfassung
gebenden deutschen Nationalversammlung
(Reichswahlgesetz; angenommen.
Das Wahlrecht wird den Grundsätzen des
Aufruses vom 12. November 1918 entsprechen.
[Das Reich wird in dem Gebietsumsang vom
1. August 1914, ohne daß damit der Entscheidung
der Friedensverträge vorgegriffen wirde
in 33 Verhältniswahlkreise eingeteilt,
„geleistet haben.
in denen nach der Einwohnerzahl je 6 bis 16
Abgeordnete zu wählen sein werden. Die Wahlen
sollen vorbehaltlich der Zustimmung der am
16. Dezember 1918 zufammentretenden Reichsversammlung
der Arbeiter= und Soldatenräte
Deutschlande am 16. Februar 1919 stattfinden.
Das Reichswahlgesetz und die dazu gehörige
Wahlorduung werden morgen im Reichsgesechat
verkündet u- werden.
Der — des Ralsers.
Berlin, 29. 11. (Drahtb.) Um aufgetauchten
Mihverständnissen über seine Abdankung zu
begegnen, hat Kaiser Wilhelm in einer staatsrechtlich
einwandfreion Urkunde auf die Rechte
an der Krone Preußens und der damit verbundenemn
deutschen Kaiserkrone verzichtet.
Die Urkunde hat folgenden Wortlaut:
„Ich verzichte hierdurch für alle Zukunft auf
die Rechte an der Krone Preußens und der damit
verbundenen Rechte an der Deutschen Kaiserkrone.
Zugleich entbinde ich alle Beamten des
Deutschen Reiches und Preußens sowie alle Offiziere,
Unteroffiziere und Mannschaften der Marine,
des preußischen Heeres u. der Truppen der
Vundeskontingente des Treueides, den sice mir als
ihrem Kaiser, König und Obersten Besehls haber
Ich erwarte von ihnen. daß sie
bis zur Neuordnung des Deutschen Reiches den
Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland
helfen, das deutsche Volk gezen die drohenden
Gefahren der Anarchie, der Hungersnot und
der Fremdberrschaft zu schüßen. Urlundlich unter
unserer höchsleigenhändigen Unterschrift und
beigedrucktem kaiserlichen Insiegel
gegeben Amerongen, den 28. Nov. 1918
gez. Wilhelm.“
§ Berlin, 30. 11. (Drahtb.) Zur Veröffentlichung
der kaiserlichen Abdankung meldet
das Berliner Tageblatt: Vor einigen Tagen
war ein Beamter des diplomatischen Dienstes
nach Holland gesandt worden, um die kaiserliche
Abdankungsurkunde mit Unterschrift abzuholen.
Wilhelm II. hatte ursprünglich einen
anderen Tert entworfen, der aber nicht geeignet
erschien. Man verständigte sich dann auf
den jetzt veröffentlichten Wortlaut.
Die Enten te verlangt die Aus
lieferung des Erkaisers.
* Bern, 29. Nov. Die Ententemächte haben
von ihren Gesandten im Haag bereits die
Auslieferung Kaiser Wilhelms verlangt.
Der Vassenftiultand.
Nimmt Foch die Feindseligkeiten
wieder auf
* Berlin, 29. Nov. In denjenigen Kreisen,
die für gut informiert gelten müssen, verstärkt
sich laut „Berliner Tageblatt“ der Eindruck,
daß Foch beabsichtigt, den Waffenstillstand
abzubrechen und die Feindseligkeiten
gegen eine nicht mehr vorhandene Armee zu
beginnen. Es wird auf ganz bestimmte neue
Tatsachen hingewiesen, aus denen sich diese Absicht
klar ergebe.
Die Armee Mackensen wird in Ungarn
interniert.
* Budapest, 30. 11. (Drahtb.) Der ungarisde
Ministerrat beschloß auf Wunsch Frank-Or#t.
1. Adventsonniag . Sehrm
in crgen befindlichen Armee Madenfens von
00 Mans. Die Deutschen haben sich einhen.
erklärt.
Der französische Appetit.
*s Berlin, 29. Nov. Es wird mit eteilt.
Daß höhere frawössche Offizicre, die in
Elsaß-Lothringen aufhalten. an die Regierungsinstanzen
in der Pfalz und in Rheinhessen die
reichs die sofortige Internierung der.
Anfrage haben siellen lassen, ob sie nicht willens
seien, sich unter frangosische Herrschaft
zu stellen. Eine Antwort iit selbstverständlich
auf diese Anfragen nicht erteilt
worden.
§ Berlin, 30. 11. (Drahtb.) In Saarbrücken
erklärten französische Offiziere, daß
Elfaß- Lothringen und das Saarrevier
französisch sei und bleibe und von
einer Volksabstimmung keine Rede sein könne.
Wenn das übrige Rheinland sich für Frankreich
entscheide, wolle dieses alles tun, um berechtigten
Wünschen Verwirklichung zu verschaffen.
Die Versorgung Deutschlands
s Genf, 30. 11. (Drahtb.) Eine internationale
Konferenz soll nach Brüssel berufen
werden, um die Entscheidung über die Art und
Weise zu fällen, in der Deutschland versorgt
werden soll.
Eine schwere F#erp leä#en in der Nähe
üttich.
s Aus dem 39. 11. (Drahtb.) In
der Nähe von Lüttich auf dem Bahnhof Ans
explodierte der Zug mit 70 Wagen Munition.
s gab 80 Tote, viele Verwundete und erheblichen
Materialschaden.
Die Friedenskonferenz.
Die Vorbereitungen.
*s Kopenhagen. 30. 11. (Drahtb.) Politiken
meldet aus London: Die Vorbereitungen
zur Friedenskonferenz sind in
vollem Gang. Nächue Woche beginnt in London
eine interallierte Vor Konferenz, die in der
Weiten Dezemberwoche in Paris fortgesehzt wird.
In ihr werden die Kommessionen gewählt, welche
die Arbeiten der Hauptkonferenz vereinfachen
sollen. Die Grenzen aller Staaten werden einer
Nachprüfung unterzogen werden, was viele
Monate dauern dürfte.
Ne Lage im Reiche.
Die Gehälter der Volksbeauftragten.
* Berlin, 29. Nov. Wie wir erfahren.
schreibt die „Poftr“, beziehen die Volksbeauftragten
Ebert, Scheidemam. Landsberg. Haase,
Dillmann und Barth je eine Aufwandsentschädigung,
die etwa ein Fünftel’ des früheren
–3 J3•t beträgt, also rund Mk.
das Sechsmännerkollegium leine
Se de besint, sieht ihnen ein Pensionsanspruch
nicht zu.
Die Funkenstationen in den Händen
der Unabhängigen.
§* Berlin, 29. Nov. Nach dem „Berliner
Tageblatt“ find sämtliche Funkenstationenvon
Unabhängigen besetzt. die der
Spartalusgruppe nahestehen. Sie verbreiten
Nachrichten, die ihren rigenen Wünschen und
Interessen entsprechen. Die Presse des In- und
Auslandes wird daher gewarnt, diesen Nach,
richten Glauben zu schenken. Die Regierung lehnt
jede Verantwortung für diese Meldungen ab.
Was der Achtstundentag bedeutet.
Von besonderer volkswirtschaftlicher Seite
wird uns geschrieben:
Die Bedingungen für den Präliminarfrieden
werden schwer sein. Wir werden wohl
die Hergabe Elfaß-Lothringene anerkennen muüssen.
Wciter werden Vergesellschaftungen gewis.
ser Sonderbetriebe, die reif zur Sozialisierung
sind, wie Krupp usw., vorgenommen werden
müssen. Wir werden wohl auch Bergwerke und
Bergwerkerechte hergeben müssen, um die schau-