Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zehnter Jahrgang. 1869. (10)

Gesterreich-Ungarn.  273

im  Landtage  erschienen  und  werden  deßhalb  gleich  wie  in  Böhmen  ihrer
Mandate  für  verlustig  erklärt.  Der  Landtag  spricht  sich  bez.  der  Reichsrathsreform
  für  eine  directe  Wahl  des  Neichsraths  und  für  Vermehrung
der  Abgeordnetenzahl  aus  und  genehmigt  die  ihm  von  der  Regierung  vorgelegten
  Schulgesetzentwürfe,  indem  er  dem  Religionslehrer  eine  Virilstimme
im  Oberschulrath  einräumt,  jedoch  nur  nach  vorheriger  Beeidigung  auf  die
Staatsgrundgesetze.

Der  Landtag  von  Schlesien  erklärt  sich  bez.  der  Reichsrathswahlreform
  für  directe  Wahlen  und  für  Vermehrung  der  Abgeordnetenzahl,  jedoch
unter  Beibehaltung  des  Gruppensystems.  Das  Volksschulgesetz  wird  nach
der  Vorlage  angenommen  und  dabei  ein  Antrag  auf  Aufhebung  des  Schulgeldes
  abgelehnt.  A

Landtag  von  Galizien:  Derselbe  erregt  unter  allen  Landtagen  das
größte  Interesse,  da  die  von  demselben  am  24.  Sept.  v.  J.  beschossene,  vom
Reichsrath  nicht  zurückgewiesene,  aber  unerledigt  gelassene  Resolution  von
den  sämmtlichen  unzufriedenen  Nationalitäten  Oesterreichs  als  der  Bahnbrecher
für  die  Befriedigung  ihrer  Wünsche  und  die  Einführung  des  Föderalismus
betrachtet  wird.  Von  vorneherein  lassen  sich  im  Landtage  —  abgesehen  von
der  ruthenischen  Fraction  —  drei  Parteien  unterscheiden,  die  entschieden  demokratische
  unter  Smolka,  die  sog.  Resolutionistenpartei,  der  sich  alle  entschieden
aristokratischen  Elemente  angeschlossen  haben,  unter  Zybliekiewicz  und  Anderen,
und  endlich  die  gemäßigte  der  Regierung  am  nächsten  stehende  unter  Ziemialkowski;
  die  Resolutionistenpartei  ist  die  zahlreichste,  besitzt  jedoch  nur  in  Verbindung
  mit  irgend  einer  der  anderen  die  Majorität.  Kaum  ist  der  Landtag
zusammengetreten,  so  stellt  Smolka  den  föderalistischen  Antrag,  den  Reichsrath
nicht  weiter  zu  beschicken.  Der  Antrag  wird  indeß  abgelehnt,  doch  erringen
die  sog.  Resolutionisten  in  Verbindung  mit  der  Partei  der  Gemäßigten  den
Sieg  nur  mit  57  gegen  54  Stimmen.  Gleich  darauf  trifft  jedoch  die  Partei
der  Gemäßigten  ein  harter  Schlag,  indem  es  Smolka  und  den  Demokraten
gelingt,  die  Wiederwahl  ihres  Führers  Ziemialkowski's  und  mehrerer  seiner
Anhänger,  die  ihre  Mandate  niedergelegt  hatten,  um  sich  freiwillig  einer  Neuwahl
  zu  unterziehen,  in  Lemberg  zu  vereiteln.  Darauf  schlägt  der  Landtagsausschuß
  vor,  die  Erneuerung  der  vorjährigen  Resolution  zu  beschließen  und
zugleich  eine  Adresse  an  die  Krone  zu  richten,  deren  Schwerpunkt  in  dem
Passus  gipfelt:  daß,  „wie  die  Polen  sich  bis  jetzt  von  keiner  Form  des  constitutionellen
  Lebens  in  Oesterreich  ausgeschlossen  hatten,  sie  sich  auch  gegenwärtig
von  demselben  nicht  ausschließen  werden,  in  der  Hoffnung  bezüglich  der  wesentlichsten
  Bedürfnisse  ihres  Landes  vor  keinem  unveränderlichen  und  abgeschlossenen
  Gesetzbuch  zu  stehen.“  Es  sollte  dieß  eine  schwache  Andeutung  der  sogenannten
  bedingten  Reichsrathsbeschickung  sein,  d.  h.  lediglich  um  die  Resolution
im  Reichsrath  durchzusetzen  und  denselben  sofort  zu  verlassen,  wenn  dieß  nicht
möglich  sein  sollte.  Die  Debatte  dauert  vier  volle  Tage.  Die  Regierung  übt
dabei  zu  Gunsten  gemäßigter  Beschlüsse  einen  gewissen  Druck  aus,  indem  sie
deutlich  zu  verstehen  gibt,  daß  sie  für  den  Fall  rein  föderaler  Beschlüsse  den
Landtag  auflösen  und  directe  Wahlen  anordnen  würde.  Auch  Graf  Wodzizki
warnt  vor  der  Provocirung  directer  Wahlen,  spricht  aber  sonst  für  einen
durch  partielle  Compromisse  mit  den  einzelnen  Ländern  herzustellenden  Föderalismus,
  den  er  auch  in  der  Adresse  zum  Ausdruck  zu  bringen  beantragt.
Trotz  der  Unterstützung  der  gesammten  hohen  Aristokratie:  der  Fürsten  Sapieha,
Sanguszko  und  Czartoryski,  der  Grafen  Boskowski  und  Tarnowski,  die  sich
sämmtlich  zum  Föderalismus  bekennen  —  auch  Zybliekiewicz  sagt  unter  großer
Sensation,  er  sei  Föderalist  —  wird  das  Amendement  Wodzizki's  dennoch
verworfen.  Die  gemäßigtere  Ansicht  siegt,  und  Commissionsantrag  und  Adresse
werden  unverändert  angenommen;  nur  ein  scharfer  Passus  gegen  den  Centralismus,
  „der,  wie  schon  oft,  auch  jetzt  wieder  das  Reich  immer  mehr  zerrüttet,
anstatt  es  zu  consolidiren",  wird  als  vom  Ausschuß  selbst  beantragt  in  die

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