IX, 2. Viehseuchen. 309
In den Jahren 1886 bis 1905 ist hinsichtlich des Auftretens der Pferderäude im Reiche
eine Verschiedenheit nicht wahrnehmbar gewesen. Die Seuche erreichte, mit einer
Ausnahme im Jahre 1890, ihren höchsten Stand stets im 1., ihren niedrigsten Stand
fast durchweg im 4. Viertel der einzelnen Berichtsjahre. Den höchsten Stand überhaupt
weist das erste Viertel von 1894 auf mit 1,13 Erkrankungsfällen auf je 10000
vorhandene Pferde. In den 4. Vierteljahren von 1886 und von 1905 war der Stand
der Seuche gleich; es trafen 0,36 und 0,37 auf je 10000 Pferde. Im Jahre 1905 waren
insgesamt 636 Pferde und I Esel in 317 Gehöften von 247 Gemeinden :und Gutsbezirken
von der Räude betroffen und am Schlusse 308 Gehöfte von 244 Gemeinden
usw. verseucht geblieben. Die hauptsächlichsten Verbreitungsgebiete der Seuche bilden
Östpreussen und Westpreussen,
\ Einschleppungen der Seuche sind besonders aus Russland, ferner aus
Österreich-Ungarn, Frankreich und Belgien im Laufe der Jahre wiederholt nachgewiesen.
Die Räude ist vorzugsweise unter den minderwertigen, herabgekommenen Pferden
kleinerer Besitzer verbreitet, die oft einen lebhaften Tauschhandel führen und ihre
Tiere in Ställen unterzubringen gezwungen sind, welche sich nur mangelhaft desinfizieren
lassen.
Räude der Schafe.
Die Räude der Schafe war in früheren Zeiten innerhalb des Deutschen Reichs
stark verbreitet, jedoch fast ausschliesslich auf die Gebietsteile westlich der Elbe und
auf Süddeutschland beschränkt. Bald nach dem Inkrafttreten des Reichs-Viehseuchengesetzes
am ]J. April 1881 wurde erkannt, dass die darin vorgesehenen besonderen
Massregeln und die hierzu erlassene Bundesratsinstruktion für die Unterdrückung der
Seuche nicht ausreichten. Es wurden deshalb schon seit ' den Jahren 1883 und 1884
ausserordentliche allgemeine Massnahmen in den von der Seuche betroffenen Gebietsteilen
durchgeführt; sie bezweckten in der Hauptsache eine sicherere Ermittelung aller
verseuchten und verdächtigen Herden und eine wirksamere Bekämpfung durch die
„Radikalbadekur*. Da die Statistik für das Reich erst mit dem Jahre 1886 einsetzt,
ist die starke Verbreitung der Schafräude, die vor diesem Zeitpunkt eine wahre Landplage
bildete, aus der Abb. 3 auf Taf. 29 nicht ersichtlich. Im übrigen ergibt sich aus
ihr, dass die Seuche in den 20 Berichtsjahren von 1886 bis 1905 anfangs stärker,
später weniger abgenommen und nur im Jahre 1901 vorübergehend eine grössere
Ausdehnung erlangt hat.
Der Abbildung ist die Stückzahl der Schafe in den jeweils in den einzelnen
Berichtsvierteljahren neu von der Seuche heimgesuchten Gehöften im Verhältnisse zu
je 10000 überhaupt vorhandenen Schafen zu Grunde gelegt. Der Gesamtbestand an
Schafen aber ist nach den Viehzählungen von 1883 bis 1904 für die einzelnen Jahre
errechnet. Obgleich die Stückzahl der Schafe in den neu verseuchten Beständen im
Laufe der Jahre ganz erheblich, nämlich, auf je 10000 vorhandene Schafe errechnet, von
162,81 im Jahre 1886 auf 71,33 im Jahre 1905 zurückgegangen ist, lässt die auf diesen
Verhältniszahlen beruhende Kurvendarstellung nicht in gleicher Weise den viel stärkeren
absoluten Rückgang der Schafräude erkennen, weil die Stückzahl der im
Deutschen Reiche gezählten Schafe gleichfalls, und zwar in den Jahren 1883 bis 1904
von 19189715 auf 7907173, d. h. um 11 282 542 = 58,8 Prozent, zurückgegangen ist.
Im Jahre 1905 wurden 937 Gehöfte und Herden mit einem Gesamtbestande
von 56 399 Schafen = 71,33 auf je 10000 in 348 Gemeinden und Gutsbezirken neu
betroffen. Die höchsten Verhältniszahlen hinsichtlich der Stückzahl an Schafen in den
neu verseuchten Beständen wiesen — wenn vom Stadtkreise Berlin mit 2360 abgesehen
wird — die preussische Provinz Hessen-Nassau (667,57), das Grossherzogtum Hessen
(510,87), das Herzogtum Braunschweig (364,02) und Württemberg (154,96) auf. Ende
1905 blieben 389 Gehöfte usw. in 136 Gemeinden verseucht, davon in Hessen-Nassau
48 und 41, Braunschweig 67 und 18, den Rheinlanden 94 und 5, Oberfranken 49 und
3, Schaumburg-Lippe 21 und 1.