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aus dem Dreibunde ergebenden Verpflichtungen tatsächlich dahin ausgelegt
hat, daß selbst bei schwerster strategischer Notlage der Mittelmächte
ein angriffsweises Vorgehen Deutschlands gegen Frankreich den
Dreibundgenossen Italien von der Waffenhilfe entband. Die belgische
Berichterstattung läßt jedenfalls keinen Zweifel darüber, daß man mit
einer ernsthaften Beteiligung Italiens an Kriegshandlungen in einem
Weltkriege schon etwa seit 1903 nicht mehr rechnete. Zu einer Zeit,
wo Deutschland auf der Höhe seiner Macht zu stehen schien, war somit
ein wesentlicher Teil seiner Sicherung für den Fall eines Weltbrandes schon
mehr als zweifelhaft geworden.
Die Frage drängte sich auf und wurde auch in der belgischen Berichterstattung
wiederholt erörtert, welche der Mittelmächte an dem Fortbestande
des Dreibundes das größte Interesse habe. Bülow hatte sich
bereits gelegentlich mit ziemlicher Kühle darüber geäußert!). Jetzt,
nachdem der Dreibund aufs neue verlängert war, legte er Wert darauf,
im Reichstage festzustellen, daß Deutschland weder ein geringeres noch
ein größeres Interesse an der Erneuerung habe als seine Verbündeten.
Der Dreibund werde sein Schwergewicht für die internationale Politik
behalten. ‚Zweifellos‘‘, meint der erwähnte Rundbericht vom 1. April
1903, ‚ist Deutschland stark genug, sich im Notfalle auch ganz allein
zu behaupten; aber das hindert es nicht, seine Bündnisse wertzuschätzen
und für deren Wohltaten dankbar zu sein. Sie bedrohen niemanden,
aber sie sichern den europäischen Frieden in dem Maße, wie dies möglich
ist.“
Auch in Frankreich beschäftigte man sich lebhaft mit der Lage Italiens
im Dreibunde. In Paris hatte Delcasse auf eine Interpellation über das
dreibundfeindliche Verhalten des französischen Botschafters Barrere
in Rom geantwortet, in keinem Falle werde Italien zu einem Angriffe
auf Frankreich verpflichtet sein. Als Bülow das im deutschen Reichstage
erwähnte, fügte er hinzu, Delcasse habe damit wohl auch nur den
Defensivcharakter des Dreibundes anerkennen wollen, von dem niemand
einen ungerechten Angriff erwarten könne. ‚Man kann sich nur darüber
freuen,‘‘ äußert bei dieser Gelegenheit der belgische Bericht, ‚bei Deutschlands
Nachbarn und vor allem in Frankreich die Überzeugung von dem
friedlichen Charakter des Dreibundes durchdringen zu sehen, der nur der
Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustandes Mitteleuropas und des
Friedens dient, und der nur ein Bollwerk gegen die Bestrebungen darstellt,
die seine Wohltaten gefährden wollen.‘?)
Wenn man diese Sätze liest, vermag man mit Sicherheit die Wirkung
vorherzusagen, die sie im Auslande bei allen auslösen werden, die Deutschland
jetzt — nach dem Weltkriege — feindlich gesinnt sind. Wenn hier
als sicher hingestellt wird, Deutschland werde niemals zu einem ungerechten
Angriffe schreiten, so wird man erwidern, diese gute Meinung
ı) Vgl. > 99; Brüssel, 24. Januar 1902.
2) Bd. 1, S. 105.
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