Full text : Deutsches Wörterbuch. Dritter Band R-Z. (3)

1087  üben  —  über.
vor  dir  spielt  und  den  muthwill  ubt  Hölderlin  22;
dasz  sie  (böse  Geister)  ihren  böllischen  muthwillen  an
unscrem  rerderben  uben  Goethe  Götz  5.  2)  die
in  älterer  Spr.  daraus  hervorgebenden  mannigsachen
Nebenbed.  (des  sortwährend  gebrauchens,  begens,  pflegens,
geschäftigseins,  Zeit  verwendens,  sich  hervorthuns,  vgl.
Lexer)  haben  sich  im  Nhd.  wieder  verloren  bis  auf  die
der  fortgesetzten  Beschäftigung  zur  Erlangung  einer
Fertigleit:  etwas  uben;  gedechtnusz  neben,  exercere
Memorfan  Maaler;  da  man  alles  uben  musz,  so  ub
ich  .  an  Tasso  die  geduld  Goethe  Tasso  1,  2;  cinen
eigenen  feinern  sinn,  den  wir  pirgends  mehr  als  vor
dem  schauplatze  uben  Schiller  3,  518;  sie  ubten
dabei  ihre  grausigen  harmonien  Keller  Sinng.  207;
mann  der  parademarsch  ubt  Molkte  7,  129;  ein
lied,  tonstuck,  auf  der  probe  eine  scene  noch  einmal
oben;  mit  ausgelassenem  Obj.:  wir  uben,  bis  wir  es
können;  vgl.  auch  einuben;  —  einen  uben;  seine
schdler  neben  und  leeren,  discipulos  exercere  Maaler;
einen  in  geduld,  entsagung  uben;  das  Part.  geubt
von  einem,  der  auf  solche  Weise  Fertigkeit  erlangt  hat:
denen,  die  da  dureh  geubt  sind  Hebr.  12,  11;  wer
aber  nicht  geubt  ist,  der  verstehet  wenig  Sir.  31,  10;
im  rechnen,  in  waffen  (Goethe  Egm.  1)  gelbt;  ein
geubter  schreiber,  klarvierspieler;  sprichwörtlich:  auch
die  geubtesten  schwimmer  ertrinken;  —  einen  uben,
in  ältern  Nhd.  auch  =  plagen:  meine  tochter  wird
vom  teulel  gefatzet,  er  ubet  sie  Keisersberg  bei
Frisch;  alle  glieder  waren  betrubt.  der  hohmut  hatt
sie  wol  geübt  Alberus  Esop  10,  75;  nachher  unteregangen
  3)  reflexives  üben,  an  2  angeschlossen,  mhd.
in  der  Bed.  sich  thätig  zeigen  entwickelt  (da  nobten  sich
sine  helde  Kaiserchron.  17137),  erst  uhd.  in  heutigem
Sinne:  sich  neben,  sein  verstand  neben  im  lernen,
ingenium  per  sstudia  agitare,  sich  mit  schreiben  ueben,
erercere  atulum  Maaler;  bleibe  in  gottes  wort,  und
ube  dich  drinnen  Sir.  11,  21;  ube  dich  selbst  ..  an
der  gottseligkeit  1.  Tim.  4,  7;  übe  dich  zum  tuchtigen
violinisten  Goethe  Wanderj.  l,  4;  sich  in  der  andacht
(Gellert  Betschw.  1,  6),  im  kinderspiel  (Schiller
3,  168),  in  blicken  (1,  9)  uben;  dafür  in  älterer  Spr.
mit  Gen.:  welche  rechter  guter  werk  sich  uben  Lutber
1,  1975;  als  Merkwort:  fruh  ubt  sich,  was  ein  meister
werden  will  Schiller  Tell  3,  1;  mit  sächlichem  Subj.:
augen,  die  sich  im  weinen  ubten  Kab.  4,  7;  kriege,  in  denen
die  kräfte  sich  regten  und  ubten  Ranke  Werke  1,  155.

üben,  in  hoben  und  druben,  vgl.  dort.

über,  allgemein  Befinden  in  einer  Höhe,  auf  einer
Oberfläche,  Bewegung  von  Anfang  zu  Ende  einer
Strecke,  auch  Schreiten  jenseits  einer  Grenze  bezeichnend;
gemeingerm.  Wort,  zum  Teil  in  leichter  Formverschiedenheit
  je  nach  der  Stellung  als  Adverb  oder  Präp.
erscheinend,  goth.  ufaro  und  ufar,  altnord.  yñr,  altengl.
oler,  altsächs.  obar,  ahd.  upiri,  ubari.  und  upir.  uber,
ubar,  mhd.  uber;  in  Ablaut  und  nächster  Beziehun
zu  auf  und  ob,  sowie  zum  Adj.  ubel  (s.  d.);  vgl.  au
unter  ober  1.  I.  Adverbium  des  Raumes  und  der  Zeit,
vielfach  in  Verbindungen  mit  Verben,  vgl.  unten  1II
und  die  besondern  Auszählungen;  das  Verbum  unterdrückt
  in  lebendiger  Rede:  (als  er)  jählings,  pferd  aber,
mann  unter,  ins  wasser  stürzt  Goetbe  Wanderj.  3,  18;
bei  Besehl:  das  gewechr  uber!  Ex.  Regl.  10;  in  Verbindungen
  mit  haben.  wobei  ein  Vorbandensein  jenseits
der  Grenze  des  Verbrauchten  bezeichnet  wird,  landschaftlich:
  wir  haben  voch  einen  thaler  uber  (allgemeiner
  übrig,  s.  d.);  in  mannigfacherer  Fügung  mit  sein;
einem  uber  sein,  überlegen,  aus  landschaftlicher  norddeutscher
  Rede  erst  in  die  jetzige  Schriftspr.  gedrungen:
wenn  in  diesen  fragen  der  abgcordnete  Windthorst
dem  grafen  Moltke,  wie  man  sagt,  uber  ist  Bismarck
Red.  15,  315;  er  ist  dir  uber,  und  wns  er  will,  das
setzt  er  durch  Wildenbruch  Opfer  19;  darin  seien

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die  alten  barbaren  uns  über  gewesen  Daheim  189°9,  7625;
auch:  mun  fuhlte  sich  den  machthabern  uber  Gegenwart
  Bd.  39,  147b;  etwas  ist  einem  uber,  man  hat  es
satt:  ich  will  nicht  mehr,  ich  mag  nicht  mehr,  es  ist
mir  uber  Bismarck  Red.  11,  47;  älter:  das  ist  nunmehr
  uber.  vorbei;  ja.  wür  der  thrünen  erster  ausbruch
uber  JESchlegel  bei  Adelung;  —  in  der  formelhasten
  Verbindung  uber  und  uber,  —  völlig,  gänzlich:
es  ist  über  und  uber  voll,  das  glas  läuft  uber  und
über  ebb.;  izt  sind  Sie  wieder  scharlacb  uber  und  uber
Schiller  Fiesko  2,  11;  die  zahlreichen  bauernfeiertage,
von  denen  der  tirolische  kalender  über  und  uber  roth
wird  Heyse  5,  325;  selten  —  drunter  und  drüber:
nunmehr  ging  cs  mit  den  höfen  uber  und  uber  Möser
Pbant.  1,  330;  —  uber  mit  näheren  Bestimmungen;  in
örtlichem  Sinne,  durch  Adverbien:  (der  Stern)  stund
oben  uber  Matth.  2,  10;  er  wohnt  gerade  uber;  quer
über,  transberse  Frisch;  gegen  der  kirohen  uber,
e  regione  temnli  Stieler;  zusammengerückt  gerade.,
quer-,  gegenuber;  vgl.  auch  Kopf-,  meer-,  hier-,  daroher
(drüber),  vorüber  (das  in  älterer  Spr.  auch  getrennt
stebt:  als  er  fur  Pnuel  uber  kam  1.  Mos.  32,  3t),  serner
überher,  -hin;  in  zeitlichem  Sinne,  durch  Acc.:  de
ganze  zeit  uber  4.  Mos.  6,  6;  den  sabbath  uber  waren
sie  stille  Luc.  23,  56;  die  msehlzeit  uber,  den  ganzen
winter  uber  Steinbach;  blieb  einer  .  die  nacht  uber
dort  Schiller  3,  541;  auch  durch  Gen.:  des  tages
über  Steinbach;  uber  der  erde  schwebt  ein  duft
des  tages  über  Goethe  ital.  Reife  1;  —  uber  —  mehr
als:  im  sacke  war  noch  uber  ein  scheffel  korn;  vgl.
auch  darüber.  II.  Präp.  mit  Dat  und  Acc.;  1)  mit
Dat.,  in  der  alten  Spr.  noch  selten,  erst  im  Nhd.  recht
ansgebildet;  Verschmelzung  mit  dem  Dat.  des  männlichen
  und  neutralen  Artikels  zu  uberm,  gern  in  täglicher,
  auch  in  dichterischer  Rede;  in  scharser  örtlicher
Bed.,  Stand=  oder  Wirkungsort  in  einer  Höhe  bezeichnend:
  ein  adler  schwebt  über  dem  sce;  gesung  der
geister  uber  den  wassern  Goethe;  er  sitzt  uber  dem
kreis  der  erden  Jes.  10,  22;  das  buch  licgt  auf  dem
simse  uber  der  thur;  soweit  der  himmel  uber  der  erde  ist;
über  dem  berge  steht  ein  gewitter;  er  schlügt  die  hunde
über  dem  kopfe  zusammen;  er  stcht  uber  ibm  geneigt,
u.  s.  w.;  freier  und  bildlich:  er  weint  über  ihrem
grabe;  es  schwebt  ein  ungluck  uber  seinem  haupte;
der  zorn  gottes  bleibt  uber  jm  Joh.  3,  36;  gott  ist
uber  mir  Schiller  Karl.  3,  7;  uber  einem  stehen,
gesellschaftlich;  eine  Oberfläche  bezeichend:  öl  schwimmt
über  dem  wasser;  uber  der  erde:  bergmännisch:  uber
tage  auf  der  Erdoberfläche  Beith  46;  ein  Jenseits:
uber  dem  bache  drüben;  er  wohnt  über  der  s#lrasze:
in  einer  stunde  bin  ich  uber  der  gränze  Schiller
Kab.  1,  9;  —  über,  zeitlich:  uber  tage  befand  sich  der
kranke  leidlich;  dasz  es  nicht  sicher  uber  tage  war
Körner  Zriny  1,  8;  besonders  zeitlich  -zuständlich:
über  der  arbeit  einschlalen;  es  kam  sie  hurt  an  uber
der  geburt  1.  Mos.  35,  17;  der  faule  stirbt  uber  seinen
wundschen  Spr.  Sal.  21,  25;  lasset  die  sonne  nicht
uber  ewrem  zorn  untergeben  Eph.  1,  26;  uber  tische
sich  unterhalten;  man  sitzt  tüglich  .  uber  der  reformation
  des  kammergerichts  Ranke  Werke  1,  318;  der
bischof,  der  ober  solchem  frevel  crtappt  war  Freytag
Bild.  1,  323;  mit  Einspielen  eines  ursächlichen  Sinnes:
diese  unser  kleider  und  schuh  sind  alt  worden,  uber
der  seer  langen  reise  Joh.  9,  13;  sie  entsatzten  sieh
uber  seiner  lere  Marc.  1,  22,  erschrack  sie  uber  seiner
rede  Luc.  1,  29;  wird  ulso  uber  deinem  erkenntnis  der
schwache  bruder  umbkomen  1.  Cor.  8,  11;  sich  über
einer  sache  anfhalten  (um  derselben  willen  verweilen)
Adelung;  uber  einem  lärm  erwachen  ebd.;  dasz  sie
uber  dem  mangel  verzweiselten  Freytag  Bild.  1,  1;
der  Germane  aber  vergasz  uber  dem  persönlichen
ruhm  Gzehr  häufg,  nach  dem  praktischen  nutzen  oder

über.