Full text : Der erste Geschichtsunterricht.

nahm  sie  teil  an  der  Freude  ihrer  Arbeiter.  Am  Weihnachtsfeste  wurden  alle,
die  auf  dem  Gute  beschäftigt  waren,  reich  beschenkt.  Darauf  ging  es  in  die
Schule.  Hier  wurden  zuerst  einige  Lieder  gesungen;  dann  empfingen  die  Knaben
aus  den  Händen  des  Kronprinzen,  die  Mädchen  aus  den  Händen  der  Kronprinzessin
  Kleidungsstücke,  Bücher,  Schreibhefte
  und  sonst  allerlei  nützliche  Geschenke.  

Zuweilen  erschien  auch  der  Kronprinz  während
des  Unterrichts  in  der  Schule  des  Dorfes  und
freute  sich,  wenn  er  sah,  daß  die  Kinder  gute
Fortschritte  gemacht  hatten.  Einmal  war  er  eben
in  die  Schulstube  getreten.  Da  kam  plötzlich  der
Briefbote  mit  einer  Depesche  an  den  Lehrer,  durch
die  dieser  an  das  Sterbebett  seiner  hochbetagten
Mutter  gerufen  wurde.  Als  der  Kronprinz  den
schmerzlichen  Inhalt  der  Depesche  erfahren  hatte,
sagte  er  zum  Lehrer:  „Eilen  Sie,  und  erfüllen
Sie  den  sehnsüchtigen  Wunsch  Ihrer  Mutter!“
„Aber  meine  Klasse  —  meine  Kinder,“  entgegnete
der  Lehrer.  „Die  übernehme  ich,“  versetzte  der
Kronprinz,  „eilen  Sie,  daß  Sie  Ihre  gute  Mutter
womöglich  noch  lebend  antreffen.“  Der  Lehrer  reiste  
ab,  und  der  Kronprinz  stellte  sich  auf  das  Pult  und    
prüfte  die  Kinder  eine  Stunde  lang  in  der  Geschichte.    
6.Im Felde. In den Kriegen gegen
Österreich  und  Frankreich  errang  der  damalige
Kronprinz  als  Führer  einer  Armee  Sieg  auf
Sieg  und  erwarb  sich  den  Titel  „Feldmarschall“.
Die  Soldaten  hingen  mit  Liebe  und  Verehrung
an  ihm.  Hatte  er  doch  für  jeden  ein  freundliches
  Wort,  wenn  er  mit  der  Soldatenmütze
auf  dem  Kopfe  und  der  kurzen  Pfeife  im  Munde
durch  die  Reihen  seiner  Krieger  dahinschritt.
Und  wie  glänzten  die  Augen  der  Verwundeten
vor  Freude,  wenn  der  Kronprinz  ihnen  freundlich
  die  Hand  reichte,  sich  nach  ihren  Wunden
erkundigte  und  ihnen  tröstende  Worte  sagte!
Sie  waren  stolz  auf  ihren  „Fritz“,  und  er
hielt  es  für  eine  Ehre,  so  brave  Truppen  zu
kommandieren.  Nach  Jahren  noch  erkannte  er
Soldaten  wieder,  mit  denen  er  im  Felde  persönlich
  in  Berührung  gekommen  war.  

Einmal  ging  er  in  Berlin  im  sogenannten  Kronprinz  Friedrich  Wilhelm



















  
    

Kastanienwäldchen  spazieren.  Da  begegnete  ihm  ein  am  Feldzuge  von  1870.
schlichter,  mit  der  Kriegsdenkmünze  von  1870—71  Gemalt  von  N.  von  Werner.

    Mit    Genehmigung  der  Photographischen  
geschmückter  Bürgersmann.  Dieser  zog  den  Hut  und        

rief  ihm  einen  freundlichen  „guten  Morgen“  entgegen.

  „Kennen  Sie  mich  denn,  lieber  Mann?“  fragte  ihn  der  Kronprinz.  Erfreut  trat  der
Angeredete  näher  und  sagte:  „Gewiß,  Kaiserliche  Hoheit!  Wer  sollte  unsern  Fritz'  nicht
kennen.“  Der  Kronprinz  sah  ihn  scharf  an  und  fuhr  fort:  „Ich  kenne  Sie  auch.  Haben
Sie  mir  nicht  bei  Wörth,  dort  unter  den  drei  Linden,  in  der  Nähe  eines  kleinen  Bauern-