Full text : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

248  Der  Deutsch-dänische  Krieg.

Angriff  genommenen  großen  Aufgabe  bestärkt.  Um  so  weniger  mochte  er  selbst
von  deren  Lösung  zurücktreten,  nachdem  er  bereits  zur  Vollendung  des  Werkes
Hand  angelegt.  Gottvertrauen  und  feste  Zuversicht,  aus  denen  der  Mensch
die  Kraft  zum  Schwersten  schöpft,  erfüllten  seine  Seele.

Daß  jedoch  noch  immer  vielerlei  gegenwirkende  Einflüsse  sich  geltend
machten,  „gegen  die  stündlich  anzukämpfen  es  galt“,  erfahren  wir  aus  Außerungen
  des  Grafen  Bismarck.  „Eines  gebe  ich  Ihnen  zu  bedenken“,  sagte
derselbe  zu  einem  politischen  Widersacher:  „Wenn  Sie  wüßten,  welch  furchtbare
Kämpfe  es  mich  gekostet  hat,  Se.  Majestät  zu  der  Uberzeugung  zu  bringen,
daß  wir  schlagen  müssen,  würden  auch  Sie  begreifen,  daß  ich  nur  dem  eisernen
Gesetz  der  Notwendigkeit  gehorchte."“

Die  Unzufriedenheit  im  Lande  bereitete  dem  Ministerpräsidenten  weniger
Sorge  als  Mißbehagen.  Aber  das  Verhalten  des  schweigsamen  Mannes  in
den  Tuilerien  verursachte  angesichts  der  drohenden  Verwickelungen  mancherlei
Bedenken.  Allerdings  scheint  Graf  Bismarck  nach  der  Unterredung  mit
Napoleon  im  Herbst  des  Jahres  zuvor  hinsichtlich  der  Einhaltung  der  Neutralität
  Frankreichs  Zusicherungen  erlangt  zu  haben.  Konnten  diese  aber  ohne
Zugeständnisse  preußischerseits  gemacht  worden  sein?  Es  wird  als  zuverlässig
angesehen,  daß  Napoleon,  der  Preußens  Kraft  nicht  geringschätzig  beurteilte,
vor  Beginn  des  Krieges  verschiedene  Vorschläge  an  Bismarck  richtete,  und  daß
er  noch  im  Mai  1866  den  Abschluß  eines  förmlichen  Angriffs=  und  Verteidigungsbündnisses
  in  Vorschlag  brachte.  Danach  sollte  Preußen,  falls  der
Kongreß,  auf  den  wir  sogleich  zu  sprechen  kommen  werden,  nicht  zustandekäme,
  zehn  Tage  nach  Unterzeichnung  des  Vertrags  den  Krieg  gegen  Osterreich
eröffnen,  Frankreich  nach  Beginn  der  Feindseligkeiten  Osterreich  gleichfalls
den  Krieg  erklären  und  mit  300000  Mann  ins  Feld  rücken.  Italien  sollte
in  den  Besitz  von  Venetien  gelangen,  für  Preußen  war  eine  Vergrößerung
durch  Nachbargebiete  mit  einer  Bevölkerung  von  etwa  acht  Millionen  und  die
Genehmigung  der  Bundesreform  in  dem  vorgeschlagenen  Sinne  in  Aussicht
genommen;  für  Frankreich  war  die  Abtretung  eines  Gebietes  zwischen  Mosel
und  Rhein  (jedoch  mit  Ausschluß  von  Koblenz  und  Mainz),  somit  von
Teilen  Rheinpreußens,  Rheinbayerns,  Rheinhessens  rc.  verlangt  worden.  Dem
Könige  widerstrebte  es  jedoch,  sich  dem  trugvollen  Gebieter  Frankreichs  gewissermaßen
  zu  verschreiben,  und  er  lehnte  das  Bündnisanerbieten  ab;  Bismarck
wußte  aber  diese  Ablehnung  so  klug  einzukleiden,  daß  dem  Kaiser  Napoleon
doch  noch  ein  Hoffnungsschimmer  gelassen  wurde.

Dieser,  längst  an  Doppelspiel  gewöhnt,  unterhandelte  gleichzeitig  auch  mit
Osterreich  und  riet  diesem  am  5.  Mai,  Viktor  Emanuel  Venetien  unter  der
einzigen  Bedingung  anzubieten,  daß  Italien  sich  in  dem  österreichisch-preußischen
Kriege  neutral  verhalte.  Als  jedoch  dieser  Vorschlag  keine  Annahme  fand,
kam  es  am  9.  Juni  zu  einem  Vertrage  mit  Osterreich,  demzufolge  dieses
Venetien  an  Frankreich,  beziehungsweise  an  Italien,  abtreten  und  als  Entschädigung
  hierfür  das  den  Preußen  abzunehmende  Schlesien  erhalten  sollte.
Was  Frankreich  für  sich  beanspruchte,  ist  nicht  genan  bekannt  geworden.