Volltext : Rosenheimer Anzeiger. 62. Jahrngang (62)

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Zwischenprodukte  (Fruchtbaum,  Angel,  Netz,  Boot,
Erz,  Eisen,  Stahl,  Axt  usw.)  stellen  das  Küapital
und  die  auf  Umwegen  vorgehende  Produktions-=weise
  die  kapitalistische  Produktion  in  dem
einen  Sinne  dieses  mehrdeutigen  Wortes  vor“
(Böhm-Bawerk  a.  a.  O.  22).

4.  Aber  wozu  braucht  es  dieser  oft  langwierigen
Produktionsumwege,  warum  gehen  wir  nicht  unmittelbar
  auf  das  Ziel,  ein  Genußobjekt  zu  erhalten,
  los?  Die  Beantwortung  dieser  Frage  setzt
auch  die  Funktion  des  Kapitals  im  wirtschaftlichen
Prozeß  ins  Licht.  Das  Einschlagen  von  solchen  —
natürlich  mit  planvoller  Berechnung  gemachten  —
Umwegen  erweist  sich  nämlich  als  lohnend,  ja  bildet
gar  oft  den  einzigen  Weg,  der  zum  beabsichtigten
Produktionsziele  führt;  das  damit  gebrachte  Opfer
an  Zeit  und  Mühe  muß  eine  diesen  Einsatz  aufwiegende
  Entschädigung  finden,  mit  einem  Worte:
das  Kapital  ist  fruchtbar,  es  steigert,  ja
ermöglicht  vielfach  erst  die  Wirksamkeit  der  beiden
originären  Produktionsfaktoren  Natur  und  Arbeit.
  Des  weiteren  fragt  es  sich,  woher  denn  diese
„Fruchtbarkeit“  des  Kapitals  entspringt.  Diese
größere  technische  Ergiebigkeit  der  „kapitalistischen“
Produktion  resultiert  daraus,  daß  das  Einschlagen
der  gedachten  Umwege  die  ausgiebigste  Heranziehung
  der  Naturkräfte,  gleichsam  ein  „Einfangen“
von  Naturkräften  ermöglicht,  welche  dann  als
Hilfskräfte  mit  der  menschlichen  Arbeit  vereinigt
und  der  Erreichung  des  Produktionszieles,  das
letzthin  in  der  Herstellung  von  Genußgütern  besteht,
  dienstbar  gemacht  werden.  So  werden  durch
Hebel,  Werkzeug  und  ganz  besonders  durch  die
Maschine  mechanische  oder  andere  Naturkräfte  entbunden
  und  in  den  Dienst  der  Produktion  eingestellt,
  wie  es  der  bloßen  Anwendung  von  Natur
und  merschlicher  Arbeitskraft  entweder  gar  nicht
oder  höchstens  in  sehr  beschränktem  Umfange  möglich
  wäre.

Die  „Fruchtbarkeit“  des  Kapitals  gilt  vielen
wirtschaftlichen  Schriftstellern  —  von  den  sozialistischen
  ganz  abgesehen  —  als  eine  gedankenlose
Konzession,  die  man  aus  Schwäche  gegen  die  herrschenden
  Wirtschaftszustände  mache.  Neuestens  hal
Hohoff  den  Versuch  gemacht,  die  Unfruchtbarkeit
des  Kapitals  nachzuweisen  und  der  menschlichen
Arbeit  allein  die  Werterzeugung  zuzuschreiben.  In
exktremer  Weise  will  Kempel  (Göttliches  Sittengesetz
und  neuzeitliches  Erwerbsleben,  Mainz  1901)  die
Lösung  der  sozialen  Frage  von  der  Wiederaufnahme
des  Zinsverbotes  abhängig  machen.

Auch  die  ältere  Moraltheologie  war  vielfach  in
solchen  Anschauungen  befangen.  So  vertritt  Alfons
  von  Liguori  (Theol.  mor.,  de  contr.
dub.  7,  n.  759)  die  Anschauung  von  der  alleinigen
Fruchtbarkeit  der  menschlichen  Arbeit:  Ratio  certa
est,  quia  lucrum  quod  recipitur  ex  pecunia,
totum  oritur  non  ex  ipsa  pecunia,  quae  cum
omnino  sterilis  sit,  fructum  parere  haud
potest,  sed  oritur  ex  mera  in  dustria  hominum,
  nec  pro  eo  duod  mea  pecunia  alteri

Kapital  usw.

 

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proderit  ob  suam  industriam,  possum  ego  ultra
  sortem  ab  eo  exigere;  pariter  ac  si  vendo
rem,  quae  emtori  valde  utilis  erit  propter  industriam
  suam,  non  possum  propter  hoc  aliduid
  recipere  ultra  iustum  rei  pretium.  Man
berief  sich  gern  auf  die  Tatsache,  daß  ohne  die
Arbeit  das  Kapital  nicht  imstande  sei,  neue  Werte
hervorzubringen.  In  der  Tat  ist  dem  so,  daß  sich
für  den  Menschen  kein  Ding  ohne  Anwendung
seiner  Kräfte  als  fruchtbar  erweist,  besteht  dieselbe
auch  nur  in  dem  Akte  der  Weignung  der  betreffenden
  Objekte.  Selbst  Grund  und  Boden,  den  man
nebst  den  Tieren  den  nicht  durch  sich  selbst  fruchtbaren
  Gütern  entgegenzusetzen  pflegt,  wirft  einen
Ertrag  nur  dann  ab,  wenn  die  Arbeit  des  Menschen
ihn  bestellt.  Nicht  bloß  der  Grad  der  Fruchtbarkeit
  der  Erde  ist  von  dem  Maße  der  Arbeit  abhängig,
  das  auf  die  Bestellung  des  Bodens  verwendet
  wird,  sondern  die  Fruchtbarkeit  würde  sich
sogar  beim  Mangel  jeglicher  Bearbeitung  nach
und  nach  verlieren.  Nach  Ausweis  der  Geschichte
schwand  mit  den  arbeitsamen  Händen  „auch  die
Fruchtbarkeit  aus  ganzen  Länderstrichen  und  traten
wüste  Steppen  an  die  Stelle  grüner  Fluren.  Daher
  konnte  es  als  eine  einfache  Wahrheit  bezeichnet
werden,  daß  sich  eine  wahre  und  vollkommene
Fruchtbarkeit  der  Erde  nur  da  zeigt,  wo  die  Arbeit
der  Menschen  ihre  Spuren  zurückgelassen,  daß  dagegen
  dort  der  Boden  der  Unfruchtbarkeit  verfällt,
wo  der  Mensch  seinen  Fuß  nicht  mehr  hinsetzt"
(Funk,  Zins  und  Wucher  159  f);  und  umgekehrt
hat  die  menschliche  Arbeit  aus  ödem  Boden  fruchtbares
  Kulturland  gemacht.

Es  ist  also  richtig,  daß  es  keine  Fruchtbarkeit
der  Natur  gibt  ohne  menschliche  Arbeit.  Aber  fällt
darum  die  ganze  Fruchtbarkeit  ausschließlich  der
letzteren  zu?  Keineswegs,  denn  der  Nachweis  ist
nicht  zu  erbringen,  daß  die  menschliche  Arbeit  auch
ohne  Natur  bzw.  Kapital  jenen  produktiven  Effekt
hervorzurufen  imstande  ist.  Kapital  und  Arbeit
bedingen  sich  gegenseitig,  jedes  ist  nur  unter  der
Voraussetzung  produktiv,  daß  das  andere  sich  mit
ihm  verbindet  und  befruchtend  auf  dasselbe  einwirkt.
  Es  bleibt  somit  dabei,  daß  das  Kapital
fruchtbar  genannt  werden  kann,  und  daß  der,
welcher  der  fremden  Arbeitskraft  sein  Kapital  zur
Verfügung  stellt,  einen  Teil  des  aus  dieser  Verbindung
  entspringenden  Ertrages  auf  Grund  seines
Kapitaleigentums  für  sich  beanspruchen  darf.

.  Die  Unfruchtbarkeit  des  Geldes
und  das  kirchliche  Zinsverbot.  Aus  diesen
Betrachtungen  ergibt  sich  auch  die  richtige  Stellungnahme
  zu  der  lang  und  heiß  ventilierten  Streitfrage
  betreffs  der  Unfruchtbarkeit  des  Geldes  und
zum  kirchlichen  Zinsverbote  des  Mittelalters.  Die
Erforschung  der  früheren  Stufen  der  Wirtschaftsgeschichte
  zeigt  nämlich,  daß  das  Kapital  eine
historische  Kategorie  istz  es  gibt  Perioden,
wie  die  heutige  „kapitalistische"  Wirtschaftsepoche,
in  welchen  das  Kapital  eine  hervorragende  Rolle
spielt,  ja  zum  beherrschenden  und  ausschlaggebenden