Full text : Europäischer Geschichtskalender. Erster Jahrgang. 1860. (1)

262  Garibaldi.

den?  Wird  er  sich  vorerst  damit  begnügen,  durch  persönlichen  Handschlag
im  Namen  Italiens  ein  thatkräftiges  Bündniß  mit  England  zu  schließen?

Wird  er,  vielleicht  über  die  Gränzen  seines  Berufes  schweifend,
nach  einem  gewiß  heroischen  Todeskampfe  untergehen  und  wird  bald  einer
unserer  geistvollsten  Geschichtschreiber  sich  berufen  sehen,  jener  Reihe  räthselhafter
  Persönlichkeiten,  welche  in  der  Dämmerung  eines  Welttags,  als
hohe,  aber  kurze  Erscheinungen  erstehen  und  verschwinden,  von  ihm  so
treffend  „die  neuen  Propheten“  genannt,  den  Bildern  Savanarolas,  der
Jungfrau  von  Orleans  das  Bild  Garibaldis  beizufügen?  Oder  wird  Garibaldi
  gesegnet  von  seinem  Vaterlande  als  sein  Suffet,  als  sein  Richter,
das  friedliche  Alter  des  freien  Bürgers  verleben?  Kurz,  wird  er  wie
ein  Simson  sich  unter  Trümmern  begraben,  oder  wie  ein  Gideon  abscheiden?


In  der  Antwort,  welche  das  Schicksal  vielleicht  bald  auf  diese  Frage
geben  wird,  liegt  eine  wichtige  Entscheidung  nicht  blos  über  die  Zukunft
Italiens,  sondern  ganz  Europas  und  namentlich  Deutschlands,  zu  welchem
Garibaldi  eine  besondere  Zuneigung  bekennt,  welches  ihm  vielleicht  bald
mit  dem  Schwerte,  in  allen  Fällen  aber  stets  mit  der  Wahrheit  begegnen
  soll.

Ende  Januar  1861.