Full text : Europäischer Geschichtskalender. Dritter Jahrgang. 1862. (3)

Deutschland.  61

man  die  Dinge  einfach  und  nüchtern  nicht  annehmen  will,  sondern  überall
etwas  Unklares  sucht.  So  ist  es  denn  gekommen,  daß,  anstatt  die  Nachtheile
  und  Vortheile  des  Vertrags  ruhig  abzuwägen  und  danach  allein  das
Urtheil  festzustellen,  man,  sobald  man  erfuhr,  daß  es  zum  Vertragsabschlusse
komme,  allerhand  geheime  politische  Gedanken  hineingezogen  hat,  man  ist
zuletzt  in  der  Presse  dahin  gekommen,  in  diesem  Vertrage  ein  Werk  der
Hölle  zu  finden,  um  Deutschland  an  Frankreich  zu  verrathen.  Seltsam
genug,  daß  diese  Besorgniß  nicht  eher  sich  äußerte,  als  bis  es  zum  Abschlusse
  des  Vertrages  kam.  daß  man  fast  über  ein  Jahr  lang  ruhig  zugesehen
  hat,  wie  dieses  Werk  der  Hölle  sich  vorbereitete.  Man  wußte  ja  doch,
daß  das  ganze  Erbieten  des  Vertrages  eine  nächste  Folge  des  englisch-französischen
  Vertrages  war,  man  wußte  vorher,  in  welcher  Richtung  der  Vertrag
ausfallen  werde,  und  dennoch  mußte  ein  ganz  besonderer  Grund  unterliegen.
Und  es  wird  gewiß  nicht  bestritten  werden,  daß  es  möglich  sei,  man  habe
in  Frankreich  gewünscht,  an  der  Stelle  jenes  Mißtrauens,  welches  in  Deutschland
  in  Folge  mancher  dasselbe  erklärenden  Ereignisse  eingetreten  war,  eine
mehr  beschwichtigende  und  vertrauensvolle  Stimmung  hervorzurufen.  In
jedem  Falle  hat  man  Recht,  sich  nicht  einschläfern  lassen  zu  wollen,  wenn
man  Ursache  zu  haben  glaubt,  wachsam  zu  sein.  Allein  es  ist  gewiß  ebensowenig
  gerecht  als  klug,  einem  solchen  Entgegenkommen  mit  Mißtrauen  entgegenzutreten.
  Mit  einem  Mißtrauen,  was  nur  auf  Gemüthsstimmung
beruht,  ist  überhaupt  alles  Leben  unter  den  Menschen  sowohl  wie  unter  den
Staaten  und  Völkern  unmöglich;  wenn  man  davon  ausgehen  will,  so  muß
man  die  Thüren  verriegeln  und  die  Kasten  verschließen.  Allein  es  mußte
nun  einmal  etwas  Besonderes  im  Hintergrunde  sein,  und  so  ist  man  dann
auf  den  Gedanken  gekommen,  der  ganze  Vertrag  sei  berechnet,  Deutschland
zu  spalten  und  von  Oesterreich  zu  trennen.  Nun  gibt  man  sich  aber  kaum
Rechenschaft  von  dem  Widerspruche,  in  welchen  Diejenigen  sich  verwickeln,
  die  diese  Ansicht  vertreten.  Wenn  man  sich  eine  solche  Berechnung
denkt,  so  müßte  man  doch  glauben,  die  Französische  Regierung  habe  darauf
ausgehen  müssen,  dieses  Resultat  um  jeden  Preis  zu  erreichen,  und  sie  hätte
dann  nicht  scheuen  dürfen,  ihrer  Industrie  unverhältnißimäßige  Opfer  anzusinnen,
  um  nur  Deutschland  zu  begünstigen.  Man  ist  in  Paris  jedenfalls
nicht  so  schlecht  über  die  deutschen  Verhältnisse  unterrichtet,  um  zu  glauben,
daß  es  genügt,  wenn  ein  Vertrag  in  Berlin  paraphirt  wird,  damit  Alles  in
Deutschland  aufjubelt.  Nun  behaupten  ja  aber  dieselben  Stimmen  das  Gegentheil;
  das  Umgekehrte  sei  geschehen,  die  französische  Industrie  sei  begünstigt,
  die  deutsche  benachtheiligt;  und  überhaupt  muß  ich  gestehen,  daß
wenn  ich  diesem  deutschen  Patriotismus,  der  mit  so  edlem  Unwillen  und  so
heiliger  Begeisterung  sich  gegen  einen  Vertrag  ergießt,  wodurch  Deutschland
an  den  Erbfeind  verrathen  werde,  auf  den  Grund  sehe,  ich  immer  wieder
nichts  als  Tarif-  und  Procentsätze  finde,  und  mit  einigem  guten
Willen  wird  man  die  Frage,  ob  und  in  wieweit  Deutschland  an  den  Erbfeind
  verrathen  wird,  mit  2  Thaler  15  Silbergroschen  ab=  und  zu  bejahend
oder  verneinend  beantwortet  finden.  Ich  glaube  also,  man  kann  über  diese
Gefahren  einstweilen  hinwegsehen,  aber,  meine  höchstgeehrten  Herren,  da  Sie
einmal  in  dieser  Frage  der  Regierung  Vertrauen  schenken,  so  gestatten  Sie
mir,  eine  Ueberzeugung  auszusprechen,  ohne  dieselbe,  was  Sie  begreifen
werden,  näher  zu  motiviren.  Wenn  politische  Gefahren  für  Deutschland
drohen  sollten,  so  liegen  sie  im  Hintergrund  nicht  der  Annahme,
sondern  der  Ablehnung  des  Vertrags  .  Möge  die  zollvereinsländliche
  Industrie  rüstig  an  das  Werk  gehen  und  beweisen,  was  man  mit
dem  Vertrage  ausrichten  kann,  dann  wird  Oesterreich  nicht  hinter  uns  zurückbleiben,
  und  alsdann  wird  der  Tag  nicht  fern  sein,  wo  man  von  der
heutigen  Krisis  des  französischen  Handelsvertrages  ebenso  sprechen  wird,  wie
wir  heute  von  der  Zeit  sprechen,  wo  es  sich  um  das  Zustandekommen  des