Deutschland. 61
man die Dinge einfach und nüchtern nicht annehmen will, sondern überall
etwas Unklares sucht. So ist es denn gekommen, daß, anstatt die Nachtheile
und Vortheile des Vertrags ruhig abzuwägen und danach allein das
Urtheil festzustellen, man, sobald man erfuhr, daß es zum Vertragsabschlusse
komme, allerhand geheime politische Gedanken hineingezogen hat, man ist
zuletzt in der Presse dahin gekommen, in diesem Vertrage ein Werk der
Hölle zu finden, um Deutschland an Frankreich zu verrathen. Seltsam
genug, daß diese Besorgniß nicht eher sich äußerte, als bis es zum Abschlusse
des Vertrages kam. daß man fast über ein Jahr lang ruhig zugesehen
hat, wie dieses Werk der Hölle sich vorbereitete. Man wußte ja doch,
daß das ganze Erbieten des Vertrages eine nächste Folge des englisch-französischen
Vertrages war, man wußte vorher, in welcher Richtung der Vertrag
ausfallen werde, und dennoch mußte ein ganz besonderer Grund unterliegen.
Und es wird gewiß nicht bestritten werden, daß es möglich sei, man habe
in Frankreich gewünscht, an der Stelle jenes Mißtrauens, welches in Deutschland
in Folge mancher dasselbe erklärenden Ereignisse eingetreten war, eine
mehr beschwichtigende und vertrauensvolle Stimmung hervorzurufen. In
jedem Falle hat man Recht, sich nicht einschläfern lassen zu wollen, wenn
man Ursache zu haben glaubt, wachsam zu sein. Allein es ist gewiß ebensowenig
gerecht als klug, einem solchen Entgegenkommen mit Mißtrauen entgegenzutreten.
Mit einem Mißtrauen, was nur auf Gemüthsstimmung
beruht, ist überhaupt alles Leben unter den Menschen sowohl wie unter den
Staaten und Völkern unmöglich; wenn man davon ausgehen will, so muß
man die Thüren verriegeln und die Kasten verschließen. Allein es mußte
nun einmal etwas Besonderes im Hintergrunde sein, und so ist man dann
auf den Gedanken gekommen, der ganze Vertrag sei berechnet, Deutschland
zu spalten und von Oesterreich zu trennen. Nun gibt man sich aber kaum
Rechenschaft von dem Widerspruche, in welchen Diejenigen sich verwickeln,
die diese Ansicht vertreten. Wenn man sich eine solche Berechnung
denkt, so müßte man doch glauben, die Französische Regierung habe darauf
ausgehen müssen, dieses Resultat um jeden Preis zu erreichen, und sie hätte
dann nicht scheuen dürfen, ihrer Industrie unverhältnißimäßige Opfer anzusinnen,
um nur Deutschland zu begünstigen. Man ist in Paris jedenfalls
nicht so schlecht über die deutschen Verhältnisse unterrichtet, um zu glauben,
daß es genügt, wenn ein Vertrag in Berlin paraphirt wird, damit Alles in
Deutschland aufjubelt. Nun behaupten ja aber dieselben Stimmen das Gegentheil;
das Umgekehrte sei geschehen, die französische Industrie sei begünstigt,
die deutsche benachtheiligt; und überhaupt muß ich gestehen, daß
wenn ich diesem deutschen Patriotismus, der mit so edlem Unwillen und so
heiliger Begeisterung sich gegen einen Vertrag ergießt, wodurch Deutschland
an den Erbfeind verrathen werde, auf den Grund sehe, ich immer wieder
nichts als Tarif- und Procentsätze finde, und mit einigem guten
Willen wird man die Frage, ob und in wieweit Deutschland an den Erbfeind
verrathen wird, mit 2 Thaler 15 Silbergroschen ab= und zu bejahend
oder verneinend beantwortet finden. Ich glaube also, man kann über diese
Gefahren einstweilen hinwegsehen, aber, meine höchstgeehrten Herren, da Sie
einmal in dieser Frage der Regierung Vertrauen schenken, so gestatten Sie
mir, eine Ueberzeugung auszusprechen, ohne dieselbe, was Sie begreifen
werden, näher zu motiviren. Wenn politische Gefahren für Deutschland
drohen sollten, so liegen sie im Hintergrund nicht der Annahme,
sondern der Ablehnung des Vertrags . Möge die zollvereinsländliche
Industrie rüstig an das Werk gehen und beweisen, was man mit
dem Vertrage ausrichten kann, dann wird Oesterreich nicht hinter uns zurückbleiben,
und alsdann wird der Tag nicht fern sein, wo man von der
heutigen Krisis des französischen Handelsvertrages ebenso sprechen wird, wie
wir heute von der Zeit sprechen, wo es sich um das Zustandekommen des