Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Siebenter Jahrgang. 1866. (7)

               Süddeutsche  Staatengruppe.  227

Majorität  in  der  II.  Kammer  kreten  in  Frankfurt  zusammen  und
erlassen  eine  Ansprache  an  das  Volk  mit  Rücksicht  auf  die  bevorstehenden
  Neuwahlen  zur  zweiten  Kammer.

29.  Oct.  (Baden).  Die  II.  Kammer  lehnt  die  Forderung  der  Regierung





auf  einen  Steuerzuschlag  für  1867  trotz  alles  Widerstandes  des
Ministers  Matthy  mit  allen  gegen  1  Stimme  ab.

30. „  (Baden).  Die  II.  Kammer  beschließt,  daß  der  von  der  Regierung

  geforderte  Aufwand  für  Hinterladungsgewehre  theils  durch
Ersparnisse  am  Kriegsbudget,  theils  durch  einen  außerordentlichen
Credit  bestritten  werden  solle  und  erklärt  zu  Protokoll,  daß  die
Kammer  die  zur  gleichförmigen  Ausrüstung  erforderlichen  Mittel
gerne  bewilligen  werde,  sobald  durch  Uebereinkunft  die  organische
Verbindung  des  badischen  Armeecorps  mit  dem  großen  deutschen
Heer  festgestellt  sei.  Die  Vertreter  der  Regierung  weisen  auf  die
Möglichkeit  hin,  daß  wahrscheinlich  in  Bälde  eine  Militärconvention
mit  Preußen  zu  Stande  kommen  werde.  —  Bericht  der  Schulcommission
  über  den  Stand  ihrer  Arbeiten;  die  Kammer  bewilligt,
da  das  Schulgesetz  selbst,  wie  es  scheine,  keine  Aussicht  habe,  noch
zur  Berathung  zu  kommen,  der  Regierung  einen  Administrativcredit

behufs  Aufbesserung  der  Schullehrergehalte,  lehnt  dagegen  einen  Antrag

  der  Linken,  zu  Protokoll  den  Wunsch  zu  erklären,  daß  die

Regierung  wo  mödlich  noch  in  dieser  Sitzung  das  ganze  Schulgesetz

zu  Ende  führe,  mit  30  gegen  24  Stimmen  ab.  —  Vertagung  der
Kammer  auf  unbestimmte  Zeit.

31. „  (Baden).  I.  Kammer:  Commissionsbericht  Bluntschlis  über

den  Friedensvertrag  mit  Preußen  und  die  deutsche  Frage.  Anträge
der  Commission:

„Die  großherzogliche  Regierung  wolle:  1)  den  Eintritt  der  süddeutschen
Staaten  und  insbesondere  Badens  in  die  Verbindung  mit  den  norddeutschen
Staaten  zur  Wiederherstellung  eines  Gesammtdeutschlands  im  Anschluß  an
Preußen  entschieden  anstreben  und  dabei  darnach  trachten,  daß  die  mit  der
Einheit  und  Wohlfahrt  des  ganzen  Reichs  verträgliche  Selbständigkeit  und
die  verfassungsmäßigen  Zustände  der  Einzelstaaten  neuen  Schutz  und  verstärkte
  Garantie  erhalten.  2)  Wenn  dieser  Anschluß  zur  Zeit  noch  nicht
durchzuführen  sein  sollte,  so  wolle  doch  großherzogliche  Regierung:  a)  ein
Schutz=  und  Trutzbündniß  Badens  mit  Preußen  abzuschließen  versuchen;  b))
die  zur  Wirksamkeit  eines  solchen  Bündnisses  und  für  den  Schutz  Deutschlands
  und  Badens  nöthigen  militärischen  Verabredungen  und  Verträge  mit
Preußen  einleiten;  c)  auf  möglichst  baldige  Verwandlung  des  kündbaren
Zollvereins  in  eine  unkündbare  und  einheitlich  erganisirte  Zollvereinigung
und  d)  auf  eine  wirthschaftliche  Gesammtverfassung,  auch  mit  Bezug  auf  das
Eisenbahn-,  Telegraphen=  und  Postwesen,  hinarbeiten;  e)  die  nationale  Gemeinschaft
  der  Deutschen  in  den  Nordstaaten  und  in  den  Südstaaten  durch
Ausbildung  eines  gemeinsamen  deutschen  Staatsbürgerrechts  zu  stärken  und
zu  entwickeln  versuchen.“  «

Rede  Bluntschlis:  „Die  Zeit  wird  kommen,  in  welcher  die  ganze

deutsche  Nation,  soweit  sie  von  dem  einen  politisch  nationalen  Geiste  erfüllt

ist,  einheitlich  in  dem  Einen  mächtigen  deutschen  Staate  sich  zusammenschließen
  und  zusammengefaßt  werden  wird.  Ich  betone  dieses  Wort  „ein-                                                       45*