Full text : Die Hohenzollern und das Reich. Band 3. (3)

211  —

arrivé  sur  votre  chemin  et  quil  vons  coupé  votre  retraite.»  (Das
ist  das  verabredete  Zeichen  des  Marschalls  Soult,  durch  welches  er  mir  an—
kündigt,  daß  er  auf  Ihrer  Straße  angekommen  ist  und  Ihnen  den  Rückzug
abgeschnitten  hat.)

So  wurde  der  unglückliche  Fürst  betrogen.  Er  versammelte  die  Generale
und  Stabsoffiziere  vor  der  Front  des  1.  Bataillons  Möllendorf,  schilderte
ihnen  die  Lage,  wie  die  Franzosen  und  Massenbach  sie  ihm  dargestellt  hatten,
und  fragte  sie  um  ihre  Ansicht.  Seinem  persönlichen  Gefühle  nach,  sagte  der
Fürst,  würde  er  lieber  mit  den  Waffen  in  der  Hand  sterben,  als  in  seinem
Alter  noch  seinen  Ruhm  mit  der  Schande  einer  Kapitulation  beflecken;  er  habe
genug  gelebt,  da  er  diesen  Tag  habe  sehen  müssen,  der  die  Arbeit  so  vieler
Jahre  zerstöre;  aber  wenn  um  seines  Ruhmes  willen  das  Leben  so  vieler  Leute
geopfert  werden  sollte,  sei  es  redlich  gehandelt,  den  persönlichen  Ruhm  der
allgemeinen  Wohlfahrt  nachzusetzen.

Sehr  zur  Unzeit  kam  in  diesem  Angenblick  von  dem  Obersten  von  Hüser,
dem  Chef  der  Artillerie  des  Corps,  die  Meldung,  daß  es  der  Infanterie  bereits
  an  Taschenmunition  fehle  und  für  die  Geschütze  nur  noch  sechs  bis  acht
Schuß  vorhanden  seien.

Der  Fürst  bezeichnete  darauf  noch  einmal  die  Kapitulationsbedingungen,
welche  die  Franzosen  angeboten  hatten,  nämlich:  Abzug  der  Offiziere  mit  Waffen
und  Gepäck  gegen  Ehrenwort,  in  diesem  Kriege  nicht  mehr  gegen  Frankreich
zu  dienen;  die  Unteroffiziere  und  Gemeinen  mit  Ausnahme  der  Garden  sollten
als  kriegsgefangen  nach  Frankreich  abgeführt  werden,  die  Garden  Potsdam  als
Aufenthaltsort  angewiesen  erhalten;  die  Gewehre  sollten  nicht  gestreckt  werden,
sondern  nur  zusammengesetzt  sein.

„Meiner  Meinung  nach,“  schloß  der  Fürst,  „ist  es  meine  Pflicht,  diese
Bedingungen  anzunehmen.  Ist  aber  einer  unter  Ihnen,  meine  Herren,  der  die
Sache  anders  ansieht,  der  noch  ein  Mittel  zu  unserer  Rettung  weiß,  der  trete
vor  und  sage  es,  ich  will  sehr  gerne  seiner  Meinung  sein.“"  —  —

Der  alte  Fürst  war  durch  den  Bericht  Massenbachs  und  die  Lügen  der
Franzosen  irregeführt  worden;  er  glaubte  nur  seine  Pflicht  als  Soldat  und
als  Mensch  zu  erfüllen,  wenn  er  so  redete  und  handelte;  aber  es  war  zu  verwundern,
  daß  in  dem  Kreise  von  einsichtsvollen  und  ehrenwerten  Männern,  die
ihn  umstanden,  nicht  einer  den  Mut  zeigte,  dem  Phantom  von  hunderttausend
Köpfen,  das  Murat  heraufbeschworen  hatte,  herzhaft  zu  Leibe  zu  gehen.  Ein  Beispiel,
  ja  nur  ein  kundgegebener  Wille,  ein  Wort  würde  auch  auf  die  anderen
gewirkt  und  vielleicht  die  ganze  Armee  mit  fortgerissen  haben.  Das  Muratsche
Lügengespenst  wäre  dann  in  ein  lächerliches  Nichts  zerstoben  und  dem  Vaterlande
viele  Schande  erspart  geblieben,  wenn  nur  ein  Mann  sich  gefunden  hätte.  —

„Er  trete  auf;  ich  will  seine  Meinung  im  voraus  adoptieren,“  wiederholte

8147