530 Uebersicht der Ereignisse des Jahres 1874.
erst zögernde und mit unsicherer Hand tastende, dann aber bald entschlossene
Einführung einer coustitutionellen Verfassung in Oesterreich,
die Thronbesteigung des jetzigen deutschen Kaisers als König von
Preußen und die Inaugurirung der sog. neuen Aera für dieses, endlich
die ersten großen Refarmen des Kaisers Alexander von Rußland,
der ganz anders als sein Vorgänger auf dem Throne niemals auch
nur den Wunsch zu Tage gelegt hat, dem Fortschritt der constitutionellen
Entwickelung in andern Ländern irgendwie Hindernisse in den
Weg legen zu wollen, wenn er auch allerdings und mit vollem Recht
ebensolche Institutionen für sein Reich noch für lange nicht an der
Zeit halten mag. Das Hauptgewicht dieses ganzen Umschwungs fällt,
. und zwar entschieden nicht bloß für Deutschland, auf denjenigen in
esen, Preußen. Mit dem Regierungsantritt des jetzigen Kaisers und Königs
Preuhen. von Preusten trat in der That eine neue Periode für Preußen und
für Deutschland ein. Nur mühsam und nicht ohne sehr wesentliche
Verstümmelungen erlitten zu haben, halte sich die im J. 1849 ertheilte
Verfassung durch die Reactionsperiode der fünfziger Jahre hindurch gerettet.
Jetzt erst wurde sie, dem allgemeinen Zuge durch ganz Europa
hin entsprechend und diesen hinwiederum ihrerseits mächtig unterstützend,
eine Wahrheit. Selbst die Conflictsperiode von 1862 — 66 diente zu ihrer
Befestigung. Eigentlich waren es aber doch erst die Gründung des
norddeutschen Bundes und die des deutschen Neiches, — beide waren sie
ja auf einer andern als einer constitutionellen Basis, wie die Dinge
in Deutschland bis 1866 lagen, gar nicht denkbar —, welche sie für
Preußen zu einer politischen Nothwendigkeit machten und ihren Bestand
wie ihre liberale Forkentwickelung außer allen Zweifel setzten. Sicherlich
gehört es mit zu den größten Verdiensten des Fürsten Bismarck, diese
politische Nothwendigkeit sofort und in allen ihren Conscquenzen erkannt
und sich derselben auch ohne Rückhalt und mit der ihm eigenen Energie
unterzogen zu haben. Heute ist Preußen ein durch und durch constitutioneller
Staat und die Regierung anerkennt unumwunden die Nothwendigkeit,
mit der Majorität der Volksvertretung Hand in Hand zu
gehen, wie und so weit es nur immer möglich ist, freilich ohne von
ihr abhängig werden und auf ihre eigene Selbständigkeit verzichten zu
wollen. Mehr und mehr schlossen sich denn auch die Mittelparteien,
die besonnenen Liberalen wie die vorurtheilsfreien Conservativen, der
Regierung an, während die Extreme, die Radicalen wie die reactionären