Full text : Europäischer Geschichtskalender. Sechzehnter Jahrgang. 1875. (16)

Allgemeine  Chronik.  17

dentlichen  Sommersession.  Die  Wahl  der  Präsidenten  in  beiden  Räthen
zeigt,  daß  auch  die  Mehrheit  des  Ständeraths  zu  Concessionen  an  die
Ultramontanen  nicht  geneigt  ist.  Die  Regierung  von  Bern  rerurrirt
gegen  die  ihr  bez.  Aufhebung  des  Ausweisungsbeschlusses  gegen  die
renitenten  römisch-  katholischen  Geistlichen  vom  Bundesrathe  gestellte
zweimonatliche  Frist  an  die  Bundesversammlung.

9.  Juni  [England.]    Unterhaus:  lehnt  den  erneuerten  Antrag  auf  Einführung

  des  allgemeinen  Schulzwangs  mit  164  gegen  91  Stimmen
ab.  Die  Frage  macht  indeß  entschiedene  Fortschritte.

  " " [Schweiz:  Genf.]  Gr.  Rath:  lehnt  den  erneuerten  Antrag  auf
Trennung  zwischen  Staat  und  Kirche  wiederum  mit  61  gegen  26  Stimmen  ab.

10. "   [Deutschland:  Preußen.]  Abg.-Haus:  Der  Finanzminister  erklärt
sich für  Beibehaltung  des  bestehenden  Freihandelssystems  und  gegen
die  von  einer  thätigen  Partei  angestrebte  Rückkehr  zu  gemäßigten

Schutzzöllen.

Herrenhaus:  genehmigt  das  Altkatholikengesetz  einfach  in  der  Fassung

  des  Abg.-Hauses.

"  "  [Deutschland:  Preußen.]  Der  Fürstbischof  von  Breslau  wird
wegen  gesetzwidriger  Excommunication  gerichtlich  zu  2000  Mk.  Geldbuße
  oder  133  Tagen  Gefängniß  verurtheilt.

11. "  " [Deutschland:  Bayern.]  Die  Regierung  trifft  die  ihr  gesetzlich
zustehende  Eintheilung  der  Wahlkreise  für  die  bevorstehende  Wahl
der  neuen  II.  Kammer.  Die  ultramontanen  Blätter  eifern  gewaltig

gegen  diese  „Wahlkreisgeometrie“,  die  ihre  Aussichten  allerdings  wesentlich
  herabzustimmen  geeignet  scheint.

"  " [Dänemark.]      Nicht  ohne  Schwierigkeiten  kommt  endlich  ein  neues

Ministerium  zu  Stande.  Dasselbe  ist  ausschließlich  der  rechten  Seite
des  Landsthings  entnommen.

14.   " [Schweiz.]  Die  Delegirten-Versammlung  der  altkatholischen  Gemeinden
  und  Vereine  der  Schweiz  (erste  Synode  derselben)  nimmt  den
ihr  vorgelegten  Entwurf  einer  „Verfassung  der  christkatholischen  Kirche
der  Schweiz“  mit  großer  Mehrheit  an,  bestellt  den  Synodalrath  und
beschließt  die  Wahl  eines  Bischofs  zu  verschieben.

15.   "  [Deutschland:  Preußen.]  Schluß  der  Session  des  Landtags.

"  "  [Frankreich.]  Nat.-Versammlung:  Der  neue  30er-Ausschuß  entscheidet
  sich  mit  17  gegen  7  Stimmen  bezüglich  der  Deputirtenwahlen
für  das  sog.  Listenscrutinium,  wie  es  die  Liberalen,  und  gegen  das
sog.  Arrondissementsscrutinium,  wie  es  die  Conservativen  und  mit
ihr  die  Regierung  wünschen.

"  "  [Schweiz: St.  Gallen.]  Gr.  Rath:  schließt  seine  Berathungen
  über  eine  Revision    der  Verfassung,  wobei  namentlich  die  Artikel  über
das  Verhältniß  zwischen  Staat  und  Kirche  und  über  die  Stellung
der  Schule  sehr  präcis    im  Sinne  moderner  Anschauungen  gegen  den
heftigen  Widerstand  der  Ultramontanen  gefaßt  werden.

16.   "  [Frankreich.]  Auf  Befehl  des  Papstes  wird  in  allen  Kirchen
Frankreichs  das  Land  dem  hl.  Herzen  Jesu  geweiht.  Die  ultramontanen
  Blätter  triumphiren  laut  über  den  mächtigen  Fortgang  der  ultramontanen
  Agitation  und  die  belgischen  Blätter  bezeichnen  bereits
als  Ziel  derselben:  eine  katholische  Liga  unter  der  Leitung  des  Papstes
gegen  Deutschland.

17.   "  [Deutschland:    Elsaß-  Lothringen.]  Eröffnung  des  neuen  Landesausschusses.
  Von  30  Mitgliedern  haben  sich  29  dazu  eingefunden.  Die
große  Mehrzahl  derselben  huldigt  entschieden  gemäßigten  Gesinnungen.