Full text : Europäischer Geschichtskalender. Achtzehnter Jahrgang. 1877. (18)

Frastreich.  (Okt.  12—14.)  290

dieses  Ministerium  die  insolenten  Angrifse  auf  die  Republik  nicht  nur  ungestraft
  läßt,  sondern  noch  ermuntert,  während  es  die  Männer,  welche  sie
vertheidigen,  mit  aller  Strenge  verfolgt,  und  ihr  werdet  antworten:  Nein,
wir  glauben  euch  nicht.  Wenn  man  euch  sagt,  daß  dieses  Ministerium  nicht
clericalen  Einflüssen  gehorcht,  so  werdet  ihr  der  Ablässe  und  Gebete  gedenken,

welche  öffentlich  den  offiziellen  Candidaturen  zur  Verfügung  gestellt  worden
sind,  und  ihr  werdet  antworten:  Nein,  wir  glauben  euch  nicht.  Wenn  man
euch  sagt,  daß  republikanische  Wahlen  das  Land  der  Verwirrung  und  den
Zufällen  preisgeben  würden,  so  werdet  ihr  auf  die  Namen  der  offiziellen
Candidaten  hinweisen,  welche  sämmtlich  Feinde  des  republikanischen  Regime's
  sind  und  aus  ihren  Zielen  und  Hofinungen  lein  Hehl  machen,  und
ihr  werdet  antworten:  Nein,  wir  glauben  euch  nicht.  Wenn  man  euch  endlich
sagt,  daß  die  Regierung  die  Ordnung  und  den  Frieden  verbürgt,  so  werdet
ihr  antworten,  daß  die  tiefste  Ordnung  vor  dem  16.  Mai  und  troß  so  vieler
Herausforderungen  auch  seither  geherrscht  hat,  und  ihr  werdel  mit  Herrn
Thiers  wiederholen,  daß  die  einzigen  Zwietrachtstister  die  Männer  sind,  welche
er  Anarchisten  und  Ruhestörer  genannt  hat.  Wähler!  Ihr  werdet  für  die
363  stimmen  und  überall  Verwahrung  einlegen  gegen  die  offiziellen  Candidaturen,
  welche  eine  Beleidigung  für  eure  Freiheit,  für  die  Würde  des  allgemeinen
  Stimmrechte,  für  die  Volkssonveränetät  sind."“

12.  Oktober.  Die  Regierung  schreibt  die  Wahlen  in  die  Generalräthe
  und  Arrondissementsräthe  auf  den  4.  November  aus,
also  auf  einen  Zeitpunkt  nach  den  allgemeinen  Abgeordnetenwahlen,
aber  vor  dem  Zusammentritt  der  neuen  Kammer.

Der  Minister  des  Innern,  Fourtou,  telegraphirt  den  Präfecten,
  die  Wahl  von  mehr  als  300  der  offiziellen  Candidaten  sei
gesichert.

12.  Oktober.  Gambetta  wird  wegen  seiner  Rede  in  Lille  vom
Pariser  Zuchtpolizeigericht  in  cöntumaciam  zu  3  Monat  Gefängniß
und  4000  Fr.  Geldstrafe  verurtheilt.

Selbst  die  „Nordd.  Allgem.  Zig.“  urkheilt  darüber  auf's  schärfste:
„Gambetta's  Verurtheilung  ist  schlimmer  wie  ein  Staatsstreich,  denn  sie  schließt
ihrem  innersten  Wesen  nach  jedwede  Möglichkeit  einer  Verföhnung  der  streitenden
  Gegensätze  co  ihso  aus,  indem  sie  mit  kaltblütiger  Ueberlegung  das
geltende  Recht  Frankreichs  zu  Gunsten  einer  winzigen  Coterie  confiscirt,  mit

welcher  verglichen  die  ungeheure  Mehrheit  der  Nation  zu  einer  Art  rechtund
  ia  Rajah  herabgesetzt  wird.“

4.  Oktober.  Allgemeine  Neuwahlen  der  Deputirtenkammer.
Dicelin  ergeben  201  (bisher  158)  Conservative  und  314  (bisher
363)  Republikaner;  außerdem  haben  14  Ballotagen  Platz  zu  greifen.
Unter  den  Gewählten  der  Regierung  zählt  man  99  Bonapartisten,
45  Monarchisten  schlechtweg  (meist  auch  Bonapartisten),  44  Legitimisten,
  11  Orleanisten  und  2  Zweifelhafte.  Die  Regierung  ist  also
geschlagen,  obgleich  sie  vermittelst  des  äußersten  Drucks  der  Beamten
ihre  Minorität  verstärkt  hat;  die  Republikaner  haben  gesiegt,  aber
doch  eine  Anzahl  Sitze  verloren;  die  Bonapartisten  haben  mit  Hülfe