Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zwanzigster Jahrgang. 1879. (20)

140  Das  beuliche  Reich  sad  seinr  einfelnen  Glieder.  (Mai  2—9).

Leuten  nicht  so  hoch  anrechnen,  namentlich  nicht  als  Ergebniß  von  Verschwendung
  betrachten.  Sie  konnen  zurückgehen  aufj  die  Entstehung  der
meisten  Schulden;  wenn  sie  nicht  aus  Gütertheilung.  sowohl  bei  den  Bauernals
  bei  den  Nittergütern,  entstanden  sind,  so  haben  sie  zum  größten  Theil
ihren  Ursprung  in  den  Verwüstungen,  denen  Norddeutschland,  und  namentli

dad  nordöstliche  Deutschland,  in  den  französischen  Kriegen  im  Aufang  dieses
Jahrhunderts  ausgesetzt  gewesen  ist,  und  in  der  allgemeinen  Nathlosigkeit
und  Noth,  welche  über  die  Besitzer  der  östlichen  Landestrtie  *e  Krieth,  als
ihnen  durch  die  Ablösungsgesee,  jene  vernünftigen,  aber  für  den  Angenblick
  schwer  zu  tragenden  Gesehe,  die  vorhandenen  Arbeitskräfte  entzogen
wurden.  Neuc  konnten  sie  nicht  bekommen,  und  Capital  hatten  sie  nicht.
Also  man  kann  die  vorhandene  Verschuldung  mehr  dem  politischen  Gange
zurechnen,  den  Bestrebungen,  die  Preußen  für  die  Stellung,  welche  es  hat
und  die  schließlich  zur  Consolidirung  des  gesammten  Deutschlands  geführt
hat  und  dem  gesammten  Deutschland  zu  aute  gekommen  ist,  verfolgt  hat.
Für  diese  Aufgabe  ist  der  an  und  für  sich  kümmerliche  Grundbesitz  der  östlicen
  Provinzen  vielsach  im  Feuer  der  Verschuldung  gewesen.  Ich  überlasse
dieß  den  Stalistikern  —  ich  bin  kein  Freund  von  statistischen  Zahlen,  weil
ich  den  Glauben  an  sie  bei  näherem  Studium  verloren  habe  —  aber  ich
überlasse  es  den  Statistilern,  zu  erwägen,  wie  es  sich  auf  den  Scheffel  Roggen
ausrechnen  läßt,  diese  etwa  10  —20  Procent  an  Staatssteuern,  die  der  Grundbesitz
  vorweg  zu  tragen  hat  im  Vergleich  mit  dem  Einkommen  aus  beweglichem
  Gute,  das  seinerseits  nur  3  Procent  Einkommenstener  bezahlt.  Rechnen
Sie  zu  beiden  noch  hinzu  die  communalen.  Kreis=  und  provinzialen  Zuschläge,
  so  werden  Sie  mir  zugeben,  daß  100  Procent  davon  günstige  Verhältnisse
  sind,  und  daß  diese  Zuschläge  in  ackerbautreibenden  Provinzen
wenigstens  vorzugswe  ise  auf  der  Landwirthschaft  ruhen.  Damit  haben  Sie
für  die  heimische  Landwirthschaft  eine  Besteuerung  der  Getreide-Production,
die  zwischen  20  und  30,  ja  selbst  mehr  Procent  variirt,  und  dem  gegenüber
findet  die  Einfuhr  unvergollten  Getreides  statt.  Wenn  es  wirklich  ein  gerbes
Glück  einer  Nation  wäre,  vor  allen  Dingen  wohlfeiles  Getreide  zu  haben,
und  wenn  das  rechtzeitig,  etwa  im  Jahr  1861,  erkannt  worden  wäre,  als
die  Grundstener  eingeführt  wurde,  so  sollte  man  annehmen,  daß  man  bamals
anstalt  der  Grundsteuer  eher  eine  Prämir  auf  den  Getreidebau  im  Lande  gezahlt,
  und  wenn  man  keine  Prämie  zahlte,  es  doch  im  höchsten  Interesse  der
öffentlichen  Ernährung  efunden  hätte,  daß  der  inländische  Getreideban  mindestens
  stenerfrei  wäre,  damit  sein  Ertrag  recht  wohlfeil  an  die  Consumenten
gelangte.  Stalt  dessen  ist  kein  Gewerbe  im  ganzen  Lande  so  hoch  besteuert,
wie  die  Landwirthschaft.  Bringen  Sie  die  Landwirthschaft  heute  herunter
auf  die  Gewerbesteuer,  auf  die  durchschnittliche  Steuer  jedes  anderen  Gewerbes,

  und  Sie  werden  sie  um  mindestens  drei  Viertel  dessen,  was  sie  heute
trägt,  erleichtern  müssen,  vielleicht  um  sehr  viel  mehr.  In  allen  andern
Productionen  ist  die  erste  Aufgabe  des  Gesetgebers  auch  scho  früher  immer
ewesen,  den  inländischen  Producenten  etwas  besser  zu  behandeln  als  den
Rrndn.  In  den  landwirkhschaftlichen  Producten  ist  es  gerade  ungelehrt.
Es  ist  vielleicht  der  Glaube  an  die  Unerschöpflichkeit  der  Bodenrenke,  daß
der  Boden  immer  noch  etwas  bringt;  denn  wer  selon  im  Schweiße  seines
Angesichts  gebaut  bat,  ae  t  die  Greißzen,  in  denen  der  Boden  noch  renkirt.
Es  ist  vielleicht  auch  das  Gefühl,  daß  als  die  Repräsentanten  und  Interessenten
der  Landwirthschest  hnbtelul.  die  wenigen  Besiher  von  Latifundien  gelten,
die  man  hier  in  Berlin  unter  Umständen,  sei  es  im  Reichstage,  sei  es  bei
Borchard:  oder  on  zu  sehen  bekommt  (  *—  und  die,  weil  sie  sehr
reiche  Leute  sind,  auf  #a  emeinen  Wohlstand  unter  den  Landwirthen  schließen
lassen.  Es  gibt  in  Pauten  nur  15,000  Rittergüter,  und  wenn  ich  annehme,