Full text : Europäischer Geschichtskalender. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1883. (24)

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wir  den  niederen  Sinn  öffnen  und  offen  halten
müssen  für  die  Sinnenwelt,  so  den  geistigen  Sinn
für  die  höhere  Welt  der  Ideen.  Nicht  mit  dem
ernstlichen  Zweifel  und  dem  Unglauben  an  die  in
der  Gesellschaft  fortlebenden  ethisch-religiösen  Überzeugungen
  hat  der  Forscher  zu  beginnen  —  das
wäre  eine  Rebellion  gegen  die  Gesellschaft  und
eine  Vogelfreierklärung  derselben  —  nein!  er  hat
vielmehr  mit  vertrauensvoller  Hingabe  an  sie  zu
beginnen,  um  diesen  unmittelbaren,  labilen  Glauben
  zu  einem  bewährten,  illabilen  zu  erheben
(Sämtl.  Werke  V60;  VI  139).  Vom  äußeren,
geschichtlichen  Glauben  hat  er  voranzudringen  zu
dessen  Experiment,  zu  dessen  Bewahrheitung  in
innerlich  mystischer  Erfahrung,  so  daß  auf  zweier
Zeugen  Mund  die  Wahrheit  beruht,  die  den  Erkennenden
  freimacht  (1  325;  X  51).  Diese  Bewahrheitung
  des  äußeren  Glaubens  in  innerlichmystischer
  Erfahrung  ist  zwar  ein  „Selberwissen“,
welches  von  einem  unerleuchteten  Obskurantismus
umsonst  zurückgehalten  und  geleugnet  werden  will,
nicht  aber  ein  „Vonsichselberwissen“,  indem  sie
ohne  äußere  und  innere  Offenbarung  Gottes  nicht
zustande  kommen  kann  (X  23  ff).  Die  Philosophie
  Baaders  ist  im  Prinzip  sonach  eine  religiöse.
Gott  ist  vollendeter  Geist  vor  und  über  aller
Schöpfung.  Er  ist  unfähig  des  Bösen.  Der
niedere,  reelle,  natürliche  Lebensprozeß  kann  sich
in  ihm  nicht  wie  im  Geschöpf  vom  ideellen,  geistigen,
  übernatürlichen  Lebensprozeß  loslösen  und
in  abnormer,  revolutionärer,  un=  und  widergöttlicher
  Weise  zur  Erscheinung  bringen.  Somit  ist
der  göttliche  Geist  ewig  sich  selber  offenbar  wie
als  erzeugende,  so  auch  als  versöhnende  und  heiligende
  Macht  mit  unterschiedener  Selbstigkeit  des
Wirkens  oder  als  dreipersönlicher  Geist.  In  der
Schöpfung  wird  er  durch  freie  Auswirkung  dessen,
was  er  beschlossen  trägt  in  seinem  natürlichen
Lebensgrund,  zuerst  offenbar  als  gebärende,  erzeugende
  Macht,  um  durch  Ingeburt  des  Sohnes  und
Aushauchung  des  Heiligen  Geistes  die  Kreatur
sodann  übernatürlicherweise  wiederzugebären  und
zu  pneumatisieren.  Infolge  der  ursprünglichen
Geistersünde  und  um  so  mehr  noch  infolge  der
Adamsfünde  fiel  die  Kreatur  aber  der  Materialisierung
  anheim,  um  durch  den  menschgewordenen
Sohn  als  Erlöser  wieder  reintegriert  zu  werden
und  die  himmlische  Verklärung  zu  finden.  Die
zeitliche  Welt  soll  zur  ewigen  Welt,  die  materielle
Natur  zu  einer  pneumatischen  Natur  und  der
Geist  naturfrei,  obwohl  nicht  naturlos,  werden.
Hiermit  ist  nicht  bloß  dem  menschlichen  Einzelleben,
  sondern  auch  dem  menschlichen  Gesellschaftsleben
  sein  Ziel  vorgezeichnet.

Diese  Gesamtanschauung  erteilt  auch  der  „Sozietätsphilosophie“
  Baaders  ihr  eigentümliches
Gepräge.  Sie  liegt  fragmentarisch  zerstreut  durch
die  verschiedensten  Abhandlungen  vor;  die  1831
bis  1832  über  dieselbe  gehaltenen  Vorlesungen
XIV  30/160)  sind  von  bloß  einleitender  Natur,
  ohne  zum  Abschluß  gekommen  zu  sein.  Sie

Baader.

 

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ist  philosophische  Gesellschaftslehre  in  des  Wortes
umfassendster  Bedeutung,  also  nicht  bloß  philosophische
  Lehre  von  dem  rechtlichen  und  staatlichen,
sondern  auch  von  dem  sozial-bürgerlichen,  ethischen,
kirchlichen,  wissenschaftlichen  und  künstlerischen
Gesellschaftsleben.  Sie  ist  ihrem  Prinzip  nach
religiös,  sofern  sie  Gott  zu  ihrem  obersten  Verpflichtungsgrund
  hat.  Geht  das  rechtliche  Gemeinwesen
  auch  nur  auf  die  freie  Verwirklichung
der  äußeren  Rechtsordnung  (V  359/360),  so
hat  diese  doch  gleich  dem  sittlich-religiösen  Gemeinwesen
  Gott  zu  ihrem  obersten  Verpflichtungsgrund
  und  soll  zudem  auch  vom  Geist  der  sittlich-religiösen
  Gottesliebe  durchdrungen  werden,
um  ein  wahrhaft  freies  Gemeinwesen  zu  konstituieren.
  Nicht  die  von  Natur  aus  gleichen
Menschen,  sondern  Gott  ist  die  Quelle  aller  Verbindlichkeit,
  der  rechtlichen  wie  der  ethischen,  ihm
müssen  sie  also  unterworfen  sein.  Da  nämlich
„kein  Mensch  von  sich  selber  das  Recht  haben
kann,  seinesgleichen  zu  befehlen,  und  keiner  die
Pflicht,  seinesgleichen  zu  gehorchen,  so  vermochten
auch  die  Menschen  nicht,  sich  zu  einigen  oder  zur
Gesellschaft  zu  konstituieren,  und  nur  ihre  Gesellschaft
  mit  Gott  konnte  und  kann  jene  unter  sich
begründen“;  der  Ursprung  der  Autorität  kann  infolgedessen
  nicht  unter  dem  Menschen  und  nicht
im  Menschen,  sondern  nur  über  dem  Menschen
gefunden  werden  (V  166  296).  Die  Religion
pricht  in  ihrem  Hauptgebot:  „Liebe  Gott  über
alles,  deinen  Nächsten  aber  wie  dich  selbst“,  das
Prinzip  alles  wahrhaft  freien  Gemeinlebens  und
Gemeinwesens,  aller  wahren  Freiheit  und  Gleichheit
  aus;  dies  ist  das  „christlich-soziale  Prinzip“
(VI  94),  während  das  Prinzip  aller  unfreien
Gemeinschaft,  aller  Despotie  durch  die  entgegengesetzte
  Maxime  ausgesprochen  wird:  „Liebe  dich
selber  über  alles,  Gott  und  deinen  Nächsten  um
deiner  selbst  willen“  (VI  15).

Somit  ist  Baader  gegen  das  Bestreben  neuerer
Staatskünstler  und  Philosophen,  das  Recht  von
unten  auf  zu  konstituieren;  denn  „was  jeder  einzelne
  Mensch  nicht  hat,  das  haben  alle  zusammen
auch  nicht,  und  die  Summe  (Versammlung)  der
Bürger  macht  so  wenig  einen  Regenten,  als  die
Summe  aller  abhängigen  Weltwesen  einen  selbständigen
  Gott,  d.  h.  der  politische  Pantheismus
ist  nicht  minder  unvernünftig  als  der  philosophische“,
  es  kann  deshalb  „die  allgemeine  Gesellschaft
  oder  die  große  Welt  nur  organisch,  d.  h.
nur  als  ein  Mensch  im  großen  (homme  général)
und  nicht  per  aggregationem  oder  mechanisch
begriffen  werden“  (V  46  57  78).  Die  neueren
Philosophen  reißen  den  Menschen  aus  dem  geselligen
  Lebensverband  los,  indem  sie  ihn  „auf
die  wüste  Insel  ihrer  Spekulation  versetzen  und
einem  schlimmeren  Schicksal  als  dem  eines  Robinson
  Crusoe  preisgeben“,  um  ihn  diesem  unnatürlichen
  Stand,  den  sie  einen  natürlichen  nennen,
alsdann  durch  die  zwingende  Gewalt  der  einzelnen
oder,  was  auf  das  nämliche  hinauskommt,  durch

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