Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiter Jahrgang. 1886. (27)

28  Pas  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Jan.  28—30.)

wurden,  den  Verhandlungen  einer  zwar  befreundeten,  aber  immer  auswärtigen
  Macht,  der  österreichischen  entnommen  waren;  es  war  immer  ein  Anklang,
ein  milder  Anklang  an  die  Debatten  von  1863.  Nun,  die  Zeiten  sind  ja
überhaupt  besser  geworden.  (Heiterkeit.)

Ein  anderes  Telegramm  aus  London  vom  23.  Februar  lautet:  „Die
öffentliche  Meinung  ist  mehr  und  mehr  aufgeregt  wegen  Polen,  und  auch
die  Freunde  Preußens  bedauern  lebhaft  die  Unterstützung,  welche  es  Rußland
  gewährt.  Die  Sprache  der  französischen  Blätter,  namentlich  des  „Constitutionel“
  erschreckt  hier  im  Publikum  und  läßt  eine  Einmischung  Frankreichs
  befürchten.  Heute  ist  wieder  Interpellation  im  Unterhause“.

Ich  verlese  Ihnen  dies  Telegramm,  damit  Sie  vollständig  die  Stimmung
  würdigen  können,  mit  der  ich  damals  hier  die  Angriffe  im  Interesse
Polens  abzuwehren  hatte.

Hier  ist  noch  ein  Bericht  aus  Paris  vom  5.  März,  von  dem  ich  nur
die  Anfangszeilen  verlese:  „Schon  seit  einigen  Tagen  war  es  nicht  mehr
zu  bezweifeln,  daß  der  von  Frankreich  gemachte  und  in  der  hiesigen  Presse
bereits  als  eine  vollendete  Thatsache  bezeichnete  Versuch,  aus  Anlaß  der  von
der  Königlichen  Regierung  mit  Rußland  getroffenen  Verabredungen  im
Verein  mit  Oesterreich  und  England  eine  diplomatische  Kollektivaktion  gegen
Preußen  einzuleiten,  gescheitert  seii,  —  auch  am  Widerstande  Englands!  —
Hier  sind  noch  die  Mitteilungen,  die  wir  darüber  an  die  deutschen  Regierungen
  gerichtet  haben;  die  verlese  ich  nicht.  Ich  werde  sie  vielleicht  der
Presse  übergeben.

Ich  habe  noch  einige  Beispiele  zu  zitieren,  die  meine  Aeußerung  über
die  Analogie  zwischen  der  damaligen  und  jetzigen  Situation  im  Reichstage
bestätigen.  Es  sind  inzwischen  23  Jahre  politischer  Zivilisation  über  uns
hinwegegangen,  und  wir  sind  so  bösartig  doch  nicht  mehr  wie  damals.  Also
beispielsweise  ein  Herr,  der  noch  unter  uns  lebt  und  thätig  ist,  der  Abgeordnete
  Virchow  hielt  damals  eine  Rede,  die  von  Anfang  bis  zu  Ende  nur
Bezug  nimmt  auf  die  Vorgänge  im  Auslande,  auf  die  „Mitteilungen,  welche
wir  teils  durch  das  englische  Parlament,  teils  auf  dem  Umwege  durch  den
französischen  Senat  erhalten  haben“,  auf  die  „scheinbar  zuverlässigen  Erklärungen
  der  englischen  und  französischen  Regierung“,  die  Aeußerungen  der
Times,  und  die  offiziellen  Depeschen,  welche  die  französische  Regierung  inzwischen
  publiziert  hatte.  (Redner  zitiert  verschiedene  Aeußerungen  der  Abgeordneten
  Virchow,  von  Unruh,  und  von  Vincke  aus  den  damaligen  Verhandlungen
  des  Abgeordnetenhauses  und  stellt  den  Ausführungen  Vincke's,
welcher  damals  den  revolutionären  Charakter  der  polnischen  Bestrebungen
betonte  und  dieselben  verurteilte,  die  folgenden  Bemerkungen  des  Abgeordneten
Windthorst  aus  der  Reichstagsverhandlung  vom  16.  Januar  1886  gegenüber:
„Wenn  man  eine  derartige  Maßregel  so  verteidigt,  dann  sind  wir  allerdings
weit  gekommen.  Sind  denn  unsere  polnischen  Mitbrüder  außerhalb  des
Völkerrechts  gestellt?  haben  sie  nicht  auf  Grund  der  Verträge,  nach  denen
sie  zu  uns  gehören,  das  Recht,  das  zu  thun  und  zu  erstreben,  was  sie  thun?")

Aber,  meine  Herren,  wie  ich  schon  erwähnt  habe,  es  sind,  seit  ich  auf
dieser  selben  Stelle  stand  und  die  Außerungen,  von  denen  ich  einige  zitiert
habe,  gefallen  sind,  23  Jahre  vergangen;  die  Leidenschaften  find  kühler  geworden.
  Ich  habe  den  Eindruck,  daß  unsere  deutsche  Volkserziehung  für  die
europäische  Politik  doch  zu  spät  begonnen  hat,  als  daß  sie  1863  schon  hätte
vollendet  sein  können.  Wenn  wir  bedenken,  wie  viel  milder  und  ruhiger  wir
uns  gegenseitig  beurteilen,  als  nach  den  Echantillons  aus  der  gereizten  Zeit,
die  ich  citiert  habe,  der  Fall  war,  so  dürfen  wir  uns  die  Hoffnung  nicht  versagen,
  daß  wir  auch  ferner  Fortschritte  in  der  Versöhnung  und  gegenseitigen