Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  283.  —24.)  99

deutschfreundlichen  Königs  Tamasese  zu  seinem  Geburtstage  antwortet
  der  Kaiser  durch  folgendes  Telegramm:

Dem  König  Tamasese  in  Samoa  Meinen  Gruß.  Ich  danke  Ihnen
und  den  Häuptlingen  Ihres  Reiches  für  die  Teilnahme,  welche  Sie  Mir  bei
Vollendung  Meines  90.  Lebensjahres  schenken,  und  sende  Ihnen  Meine  besten
Wünsche  für  Ihr  Wohlergehen  und  die  Wohlfahrt  des  von  Ihnen  beherrschten
Gebietes.  (gez.)  Wilhelm.

Dasselbe  wird  von  den  Deutschen  in  Apia  mit  großer  Genugthuung
aufgenommen.

23.—24.  März.  (Preußen:  Kirchenpolitische  Vorlage.)
  Herrenhaus:  Beratung  der  kirchenpolitischen  Vorlage  im
Plenum.  Nachdem  Bischof  Kopp  seine  Anträge  befürwortet,
Beseler  dagegen  gesprochen,  nimmt  der  Reichskanzler  Fürst  Bismarck
  das  Wort:

Es  ist  nicht  meine  Absicht  und  auch  nicht  meine  Aufgabe,  in  eine
Spezialdiskussion  über  den  vorliegenden  Gesetzentwurf  einzutreten;  ich  benutze
deshalb  die  Gelegenheit,  um  auf  einzelne  spezielle    Bemerkungen  des  Hrn.
Vorredners  zu  antworten.  Meine  Stellung  zur  Sache  ist  ja  eine  wesentlich
andere  als  die  der  hiebei  beteiligten  Parteien;  sie  ist  keine  konfessionelle,  keine
von  irgendwelchem  Parteistandpunkte  beeinflußte,  keine  juristische;  sie  ist  eine
rein  politische,  und  von  dieser  Stellung  aus  wünsche  ich  den  Frieden  mit
der  römischen  Kurie,  wie  mit  jeder  auswärtigen  Macht;  ich  stehe  also,  wenn
Sie  es  so  ausdrücken  wollen,  auf  einem  Opportunitätsstandpunkte.  Es  ist
ja  nur  selten  oder  nie  der  Fall  gewesen,  daß  jedermann  mit  meiner  Ansicht
einverstanden  gewesen  ist,  und  wohl  niemals  ist  es  mir  gelungen,  mich  in
völligem  Einverständnis  mit  meinen  eigenen  politischen  Freunden  zu  befinden
oder  gar  mit  dem  Hrn.  Vorredner  selber.  Ich  bin  seit  25  Jahren  recht
oft  unter  sein  Seziermesser  geraten  und  der  Gegenstand  seiner  Kritik  gewesen.
Was  nun  die  Frage  anbetrifft,  die  uns  heute  hier  beschäftigt,  so  finde  ich
bei  ihr  eine  gewisse  Ähnlichkeit  mit  dem  Friedensschlusse  von  1866.  Auch
bei  jenem  Friedensabschlusse  habe  ich  mich  vollständig  auf  meine  eigenen
Entschließungen  verlassen  müssen;  nichtsdestoweniger  glaube  ich,  daß  ich  heute,
wenn  wir  auf  jene  Ereignisse  zurückblicken,  mehr  Anerkennung  finden  werde,
als  es  damals  der  Fall  war.  Der  Hr.  Vorredner  hat  verlangt,  dieser  Friede
mit  der  Kurie  solle  ein  ehrenvoller  und  dauernder  sein;  nun  einen  anderen
als  ehrenvollen  Frieden  habe  ich  in  meinem  Leben  noch  nicht  verhandelt
oder  unterzeichnet  (Bravo!),  und  um  zu  beurteilen,  was  ehrenvoll  heißt,  bin
ich  mein  eigener  Richter.  (Bravo!)  Was  nun  die  Dauer  des  beabsichtigten
Friedens  anbelangt,  so  mache  ich  den  Hrn.  Vorredner  darauf  aufmerksam,
daß  in  dieser  Welt  überhaupt  nichts  dauernd  ist,  weder  die  Friedensschlüsse
noch  irgendwelche  Abmachungen.  Tempora  mutantur  et  nos  mutamur  in
illis.  Wie  lange  also  der  Friede  oder  die  Annäherung  an  den  Frieden,
welche  wir  heute  erstreben,  dauern  wird,  kann  niemand  voraus  berechnen;
wir  verhandeln  eben  rebus  sic  stantibus  und  thun  für  die  Gegenwart  unsere
Schuldigkeit,  nehmen  an,  was  uns  geboten  wird  und  was  annehmbar  ist;
wie  lange  es  aber  dauert,  steht  bei  Gott,  und  ich  übernehme  für  die  Dauer
keinerlei  Verantwortung.  Der  Hr.  Abgeordnete  hat  bei  der  Zulassung  von
Orden,  welche  namentlich  auf  das  protestantische  Gefühl  schwer  einwirkten
und  dort  einen  Widerwillen,  Abneigung  oder  unangenehmen  Eindruck  hervorriefen,
  gemeint:  die  Orden  seien  verhaßt.  Ja,  darauf  kommt  es  gar  nicht
an,  ob  jetzt  diese  oder  jene  Maßregel  dem  einzelnen  unbequem  ist,  sondern

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