Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

322  frankreic#(März  8.—13.)

sigeant"  erscheint  ein  Artikel,  welcher  das  Verlangen  der  „Republique
Francaise"“  nach  „einer  starken  und  stetigen  Regierung“  heftig  erwidert.
  Es  heißt  darin:

„Ihr  wollt  Boulanger  los  sein,  wir  rufen  laut:  er  muß  bleiben!.
Wer  nicht  für  Boulanger  ist,  ist  für  die  Invasion.  Wir  wollen,  daß  Boulanger
  bleibe  und  Flourens  fortgejagt  werde.  Frau  Flourens  ging  zum
deutschen  Botschafter,  um  ihm  eine  im  Hirn  ihres  Mannes  entstandene  Mitteilung
  zu  machen.  Wie  kann  also  Flourens  Minister  bleiben.  Man  muß
ihn  schleunigst  aus  dem  Kabinett  hinauswerfen.“

Der  Grund  zu  dem  Zerwürfnisse  beider  Minister  ist  eine  Erzählung,
die  allgemein  für  wahr  gehalten,  aber  von  Boulanger  abgeleugnet  wird,
nänlich  daß  dieser,  ohne  den  Minister  des  Aeußern  und  das  Kabinett  zu
feagen,  an  den  Zaren  einen  Brief  habe  senden  wollen.  Flourens  erklärte
as  für  unstatthaft,  die  Minister  treten  auf  seine  Seite.  Die  Mitteilung
davon  soll  Flourens  durch  seine  Frau,  diese  sie  durch  die  Gemahlin  des
deutschen  Botschafters  erhalten  haben.

8.—13.  März.  (Lesseps.)  Aufenthalt  des  Grafen  v.  Lesseps,
des  Erbauers  des  Suez=  und  des  Panama-Kanales,  in  Berlin  zum
Besuche  des  Botschafters  Herbette,  dem  er  das  Großkreuz  der  Ehrenlegion
  im  Namen  des  Präfidenten  überbringt.

Lesseps  wird  vom  Reichskanzler,  später  auch  vom  Kaiser  und  der
Kaiserin  enpfangen  und  in  sehr  auszeichnender  Weise  behandelt.

Auf  der  Rückreise  durch  Köln  äußert  er  aus  den  Gesprächen  über  die
politische  Lage  mit  den  leitenden  Kreisen,  daß  der  Friede  in  jeder  Beziehung
Küihert  sei,  und  erzählt  den  Berichterstattern  in  Paris  aus  den  Aeußerungen

ismarcks,  dieser  habe  gesagt:  „Niemand  wünscht  den  Frieden  mehr  als  ich.
Und  dabei  versucht  man  mich  als  einen  Mann  des  Krieges  hinzustellen.
Einen  Augenblick  habe  ich  allerdings  geglaubt,  daß  es  losgehen  und  daß
ich  gezwungen  sein  würde,  meine  Waffen  auszupacken  und  mit  den  Meinigen
den  Weg  nach  der  Grenze  einzuschlagen.  Denn  wenn  ich  einerseits  den
Frieden  mit  Feankerih  über  alles  wünsche,  so  werde  ich  anderseits  mit  verdoppeltem
  Eifer  in  den  Krieg  gehen,  wenn  Frankreich  uns  angreift  oder
bedroht.  Grade  dieser  Haltung,  von  der  ich  niemals  abgewichen  bin,  Ichreibe
ich  meine  Beliebtheit  in  Deutschland  zu.  Nicht  ich  habe  Elsaß-Lothringen
verlangt,  sondern  unsere  Militärs,  die  erklärten,  daß  Metz  und  Straßburg
zur  Sicherheit  unserer  Grenzen  unentbehrlich  Fien  .  .  .  „Wenn  Sie  Herrn
Grevy  sehen  werden,  so  sagen  Sie  ihm,  daß  ich  die  höchste.  Achtung  vor
seinem  Charakter  habe  und  daß  ich  von  seinen  großen  Verdiensten  um  Frankreich
  fest  überzeugt  bin.  Ich  betrachte  ihn  als  einen  Mann  der  Vorsehung,
und  ich  bezweifle,  ob  ein  anderer  als  er  in  den  schwierigen  Verhältnissen,  in
denen  4  h  Frankreich  oft  genug  befunden  hat,  so  mäßigend  und  friedenstiftend
  hätte  wirken  können,  ohne  sich  dabei  den  Anschein  einer  unmittelbaren,
  Einmischung  in  die  innern  oder  äußeren  Verhältnisse  seines  Landes
zu  geben."“

Lesseps  fügt  hinzu,  der  Krieg  sei  einmal  zu  befürchten  gewesen,  jetzt
aber  alles  wieder  beruhigt,  den  Bericht  über  seine  Reise  könne  er  in  das
Wort  „Frieden!“  zusammenfassen.

Bei  seiner  Rückkehr  wird  Lesseps  von  Flourens  und  Goblet
empfangen,  die  sich  sehr  befriedigt  über  seine  Mitteilungen  äußern.
Die  Presse  hingegen,  welche  anfangs  die  dem  berühmten  Lands-