Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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Schwarzen  Meere  ein  Ende  macht.  Gelingt  es  der
Türkei,  mit  deutscher  Hilfe  eine  Flotte  zu  schoffen,  so
ändert  dies  allerdings  auch  den  Charakter  des  Meerengenproblems.
  Die  Bestimmungen  des  Pariser  Friedens,
  die  durch  die  Londoner  Konferenz  (1871)  zwar
eine  Milderung  zugunsten  Rußlands  erfuhren,  während
  es  im  übrigen  bei  dem  Verbot  der  Durchfahrt
von  russischen  Kriegsschiffen  durch  die  Meerengen  verblieb,
  gingen  von  der  Befürchtung  aus,  daß  ein  Kriegsschiff,
  das  einmal  im  Bosporus  sei,  sich  auch  der  Hauptstadt
  der  Türkei  bemächtigen  könne,  die  ja  dann  wehrlos
  unter  seinen  Kanonen  läge.  Besitzt  die  Türkei
aber  eine,  wenn  auch  kleine  moderne  Flotte,  die  wirklich
  verwendungsfähig  ist,  so  haben  einzelne  russische
Krigsschiffe  ihre  Gefährlichkeit  verloren.  Es  ist  wohl
möglich,  daß  eine  Neuregelung  der  Meerengenfrage
als  Kompensationsobjekt  bei  den  Friedenslerhandlungen
  verwertet  werden  wird.

Die  Donau.  Eine  zweite  internationale  Verkehrsstraße,
  deren  Rechtsverhältnisse  seit  dem  Pariser  Frieden
  internationaler  Regelung  unterliegen,  ist  die  Donau
  von  Orsova  abwärts.  Auch  hier  dürfte  sich  eine
Neuregelung  in  dem  Sinne  vollziehen,  daß  die  Abmachungen,
  die  der  Erhaltung  des  Schiffahrtsweges
dienen,  wirksamer  gestaltet  werden.  Zweifellos  wird
die  Donau  als  großer  europäischer  Verkehrsweg  nach
dem  Kriege  sehr  gewinnen,  besonders  wenn  die  Kanalprojekte,
  die  eine  Verbindung  der  Donau  mit  Rhein,
Elbe  und  Oder  ins  Auge  fassen,  verwirklicht  werden.
Dann  werden  natürlich  auch  die  Meerengen  für  die
deutschen  Wirtschaftsinteressen  eine  gesteigerte  Bedeutung
  erhalten,  die  Umschlagplätze  an  der  unteren
Donau  einen  Teil  des  Warenverkehrs  aus  dem  näheren
  und  ferneren  Osten  in  den  binnenländischen  Verkehr
  der  Mittelmächte  überleiten.

Piräus.  Sucht  der  Warenverkehr  lange  Seefahrt
und  kurze  Eisenbahnfahrt,  so  ist  es  mit  dem  Personenund
  Postverkehr  umgekehrt.  Die  Vollendung  der
Bahn  von  Larissa  nach  Saloniki  dürfte  im  Zusammenhang
  mit  einem  eventuellen  politischen  Anschluß  Griechenlands
  an  den  mitteleuropäischen  Mächtebund  nach

I.  Politik  und  Geschichte

Friedensschluß  dem  Piräus  zu  ungeahnten  Entwicklungsmöglichkeiten
  verhelfen.  Er  könnte  in  Zukunft
für  die  deutschen  Dampferlinien,  die  den  Sueskanal
durchfahren,  dieselbe  Rolle  spielen  wie  heute  Genua
oder  Neapel.  Zu  der  bestehenden  Bahnverbindung
würde  sich  dann  wohl  als  kürzeste  Verbindung  mit
den  mitteleuropäischen  Zentren  eine  Verlängerung  der
im  Bau  befindlichen  Bahn,  die  Dalmatien  an  das
österreichische  Bahnnetz  anschließt,  über  Albanien  und
Epirus  gesellen.  Voraussichtlich  wird  der  Bahnbau
auf  dem  Balkan  gegenüber  der  Zeit  vor  dem  Kriege
insofern  eine  gründliche  Unggestaltung  erfahren,  als
er  ausschließlich  unter  wirtschaftlichen  Gesichtspunkten
erfolgen  wird,  während  früher  jeder  Bahnbau  mehr
oder  weniger  eine  politische  Frage  war.  Militärischpolitische
  Gesichtspunkte  werden  freilich  auch  in  Zukunft
ihre  Geltung  behalten.  Während  das  wirtschaftliche
Moment  auf  die  möglichst  kurze  Verbindung  mit  dem
Meere  oder  der  schiffbaren  Wasserstraße  drängt,  sordert
  das  militärische  die  Sicherheit  der  Bahnlinie  und
die  kürzeste  Verbindung  zwischen  den  Werkstätten  des
Hinterlandes  und  der  Front.  Faßt  man  die  heute  verbündeten
  Staaten  als  eine  Verteidigungseinheit  auf,
so  wird  natürlich  die  Verbindung  Berlin-Wien-Konstantinopel
  stets  eine  außerordentliche  militärisch-politische
  Bedeutung  haben,  und  man  wird  sich  wohl  kaum
auf  die  einzige  Linie,  die  jetzt  für  diesen  Zweck  zur
Verfügung  steht,  beschränken.

Literatur.  Kl.  Nikolaides,  Mazedonien  (Berlin
1903);  G.  L.  Jaray,  L'Albanie  inconnue  (Par.  1913.;
Rich.  v.  Mach,  Briese  aus  dem  Balkankriege  1912—  13
(Berl.  1913);  Otto  v.  Gerstner,  Albanien  (Wien  1913);
H.  Uebersberger,  Die  Orientkrise  (im  »Handbuch  der  Politike,
  2.  Aufl.  1917);  Derselbe,  Rußland  und  der  Panflawismus
  sowie  Die  Rolle  Serbiens  und  Rußland  (in  =  Deutschland
und  der  Weltkrieg«,  2.  Aufl.,  Leipz.  1917);  O.  Frhr.  v.  Dungern,
  Rumänien  (Gotha  1916);  A.  Ischirkoff,  Bulgarien,
  Land  und  Leute  (Leipz.  1916);  S.  Goriainow,  Le
Bosphore  et  les  Dardanelles  (Par.  1910);  W.  Weiß-Bartenstein,
  Bulgarien,  Land,  Leute  und  Wirtschaft  zur
Zeit  des  Balkankrieges  (Leipz.  1913);  P.  Dehn,  Die  Völker
Südosteuropas  und  ihre  politischen  Probleme  (Frankf.  1900

Die  Türkei  im  Weltkriege
von  Professor  Dr.  Eugen  Oberhummer  in  Wien

Weltstellung  des  türkischen  Reiches.  Die  Bedeutung
  der  Türkei  im  Weltkriege  beruht  in  erster  Linie
auf  der  Weltlage  ihrer  Länder.  Man  kann  diese  kurz
bezeichnen  als  den  Schwerpunkt  der  Beziehungen
zwischen  den  drei  Erdteilen  der  östlichen  Halbkugel  in
der  Gegend  ihrer  größten  Annäherung,  historisch  als
den  Ausgangspunkt  der  herkömmlich  so  genannten
Weltgeschichte.  Seit  Jahrtausenden  durchkreuzen  sich
Rulturbeziehungen  und  politische  Machtfragen  längs
einer  Achse,  die  von  Südosteuropa  über  die  schmale
Verbindung  Afrikas  mit  Asien  hinweg  aus  der  Welt
des  Atlantischen  Ozeans  zum  Indischen  und  Stillen
Ozean  weist.  Der  Zusammenschluß  der  Länder  beiderseits
  jener  Achse  zu  einem  Herrschaftsgebiet  ist  den
Machthabern  alter  und  neuer  Zeit  als  ein  erstrebenswertes
  Ziel  erschienen.  über  die  Landenge  von  Sucz
hinweg  haben  die  Herrscher  Agyptens  nach  Asien,  das
assyrische  und  persische  Neich  nach  Afrika  gegriffen.
Anderseits  haben  die  schmalen  Meeresteile,  welche  die

Balkanhalbinsel  und  Kleinasien  nur  oberflächlich  tren.
nen,  nie  ein  wirkliches  Hindernis  des  Völkerverkehrs
und  politischer  Machtansprüche  von  der  einen  zur  anderen
  Seite  gebildet.  Die  indogermanischen  Völker
des  alten  Kleinasiens,  die  Phryger  und  später  die
Galater,  sind  über  die  Meerengen  eingedrungen;  nur
die  seefahrenden  Griechen  haben  vom  Meere  aus  in
breiter  Ausdehnung  die  Westküste  und  Teile  der  Nordund
  Südküste  besetzt,  ohne  tiefer  in  das  Innere  vorzudringen,
  und  dieses  Verhältnis  ist  im  wesentlichen
bis  heute  maßgebend  geblieben.  Die  homerische  Dichtung
  spiegelt  uns  den  ältesten  Kampf  zweier  Mächtegruppen
  um  die  entscheidende  Stellung  an  der  südlichen
  der  beiden  Meeresstraßen.  Darius  und  Xerxes
haben  von  Asien,  Alexander  der  Große  und  die  Kreuzfahrer
  (Friedrich  Barbarossa)  von  Europa  aus  ihre
Heereszüge  über  die  Meerengen  hinweggeführt,  die
Türken  wieder  in  umgekehrter  Richtung  ihren  Siegeszug
  nach  Europa  angetreten.

Den  gesamten  Länderkreis  beiderseits  der  Meerengen
  und  der  Landenge  von  Suez  in  einer  Hand
zu  vereinigen,  ist  zuerst  und  nur  für  kurze  Zeit  der