Full text : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

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sormation  der  Naturerkenntnis  sehr  die  Wege  geebnet.  Wenn  Luther
und  seine  Epigonen  in  ihrem  fanatischen  Glaubenseifer  auch  unduldsam
gegen  abweichende  Ansichten  im  Buchstabenglauben  waren,  so  lag  doch
schon  in  der  Natur  der  Reformation  ein  Drängen  und  Suchen  nach
Wahrheit,  das  schließlich  geduldet  und  anerkannt  werden  mußte.

Nach  Luthers  Tode  setzte  nach  dem  Tridentiner  Konzil  bald  eine
kräftige  Reaktion  der  römischen  Kirche  ein,  um  das  an  die  Evangelischen
verlorene  Gebiet  wiederzugewinnen.  Hierbei  war  es  hauptsächlich  die
von  Ignaz  von  Loyola  gestiftete  Gesellschaft  Jesu,  die  als  Jesuitenorden
sich  die  Bekämpfung  des  Protestantismus  zur  vornehmsten  Aufgabe
gesetzt  hatte.  Diesem  Orden,  der  das  Christentum  im  katholischen
Sinne  ebenso  ernsthaft  wie  fanatisch  auffaßte,  hat  das  Papsttum  viel
zu  verdanken.  Die  Mitglieder  dieses  Ordens,  die  sich  ausgezeichnet
mit  dem  Schein  der  Selbstlosigkeit  zu  drapieren  verstanden,  haben  nicht
nur  durch  Pflege  der  katholischen  Wissenschaft  die  theoretische  Seite  des
Christentums  unter  ihre  Fittiche  genommen,  sondern  sie  haben  mit
Hilfe  ihrer  diplomatischen  Geschicklichkeit  auch  nach  und  nach  den  politischen
  Teil  der  Kirche  an  sich  gerissen  und  sind  so  mit  der  Zeit  die
eigentlichen  Machthaber  des  Papsttums  gewörden.  Mit  Hilfe  des
Beichtstuhls  hatten  sie  Gelegenheit,  sich  die  Vertrauensseligkeit  der  katholischen
  Fürsten  und  noch  mehr  Fürstinnen  zu  erschleichen,  die  ihnen
die  Erziehung  der  zukünftigen  Vertreter  der  katholischen  weltlichen
Macht  anvertrauten.  Letztere  haben  sie  dann  auch  infolge  ihrer  geistigen
  Überlegenheit  und  ihrer  Skrupellosigkeit  bald  am  Gängelband
geführt  und  in  den  Glaubenskrieg  getrieben,  der  schließlich  mit  dem
Dreißigjährigen  Kriege  so  unsagbares  Unglück  über  Deutschland  gebracht
  hat.  Von  allem  Unglück,  das  das  Christentum  über  die  Menschheit
  gebracht  hat,  ist  dieses  das  größte  und  fluchwürdigste.  Der  Dreißigjährige
  Krieg  hat  Deutschland  nicht  nur  zu  einer  Wüste  gemacht,  in  der
die  Bevölkerung  von  16  auf  4  Millionen  gesunken  war,  die  hinterher
ohnmächtig  zusehen  mußten,  wie  ihr  Land  teilweise  an  den  Grenzen
von  beutegierigen  Nachbarn  verschlungen  wurde,  sondern  er  hat
Deutschland  auch  in  der  politischen  Entwicklung  um  zwei  Jahrhunderte
zurückgebracht  und  dadurch  die  Anmaßung  verursacht,  mit  der  England
und  Frankreich  diesen  Kulturstaat  als  Macht  zweiten  Ranges  ansehen
und  behandeln  konnten.  Und  schließlich  hat  er  die  noch  übrig  gebliebenen
  Bauern  auch  wirtschaftlich  derartig  verelendet,  daß  sie  sich  in
stumpfsinniger  Verzweiflung,  bloß  um  das  erbärmliche  Dasein  zu
fristen,  den  adligen  Grundherren  zur  Hörigkeit  und  Frohn  übergeben
haben,  die  damit  ihrerseits  noch  aus  ihnen  herauszupressen  versuchten,
was  irgend  möglich  war.

Die  Religionsfreiheit  war  aber  für  Deutschland  gerettet,  und  wenn

Ginze,  Sejtalbemetratte,  Christentum,  Materiallsms  und  der  Arieg.  9