Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Neunter Jahrgang. 1893. (34)

266  Sch#eiz.  (Juni  4.—  August  6.)

sieht  in  dieser  Begegnung  eine  Bestätigung  der  vorzüglichen  Beziehungen,
welche  zwischen  dem  großen  Deutschen  Reich  und  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft
  bestehen.

Stets  bereit,  mit  seiner  ganzen  Energie  seine  Unabhängigkeit  und
Freiheit  zu  verteidigen,  bringt  das  Schweigervolk  das  lebhafteste  Interesse
den  Bestrebungen  und  Kundgebungen  entgegen,  die  bezwecken,  den  Nationen
die  unschätzbare  Wohlthat  des  Friedens  zu  bewahren,  dessen  mächtigen  Verteidiger
  und  Beschützer  die  Bundesbehörden  in  Eurer  Majestät  begrüßen.

Ich  trinke  auf  die  Gesundheit  und  das  Wohlergehen  Seiner  Majestät
des  Deutschen  Kaisers  und  Ihrer  Majestät  der  Kaiserin."“

Der  Kaiser  antwortet  hierauf:

„Herr  Präsident!

Ihre  freundliche  Einladung  an  die  Kaiserin  und  Mich,  auf  der  Heimreise
  einige  Stunden  in  der  Schweiz  zu  verweilen,  hat  Uns  Beiden  zur
aufrichtigen  Freude  gereicht.  Mit  herzlichem  Danke,  zugleich  im  Namen
des  gesamten  deutschen  Volkes,  erwidere  Ich  Ihre  liebenswürdige  Begrüßung
und  den  traulichen  Empfang  der  Schweizer.

Die  herrliche  Gegend,  welche  Sie  Uns  soeben  gezeigt,  ist  Mir  nicht
unbekannt:  denn  in  jungen  Jahren  war  es  Mir  vergönnt,  schon  einmal  Mich
am  Anblick  Ihrer  Berge  und  Seen  zu  erfreuen,  welche  jährlich  Tausenden  Meiner
Landsleute  Erfrischung  und  Kräftigung  bei  gastlicher  Aufnahme  gewähren.

Mit  Befriedigung  konstatiere  Ich,  daß  Unsere  guten  und  freundnachbarlichen
  Beziehungen,  die  von  Alters  her  bestehen,  unverändert  fortdauern,
  und  Ich  hoffe,  daß  der  vertragsmäßig  gesicherte  Verkehr  zwischen
der  Schweiz  und  Deutschland  sich  weiterhin  gedeihlich  entwickeln  und  dazu
beitragen  wird,  die  Freundschaft  zwischen  beiden  Völkern  zu  erhalten  und
zu  festigen.

Ich  trinke  auf  das  Wohl  der  Schweiz,  der  Schweizer  und  des  Herrn
Präsidenten  der  Eidgenossenschaft!“

4.  Juni.  Im  Kanton  Bern  findet  eine  Volksabstimmung
statt  über  den  Entwurf  einer  revidierten  Verfassung,  dessen  Feststellung
  auf  Grund  eines  Kompromisses  verschiedener  Parteien  zu
stande  gekommen  war.  Die  Annahme  der  neuen  Verfassung  erfolgte
  mit  55,000  gegen  15  Stimmen.  Die  bisher  gültige  Konstitution
  war  die  älteste  aller  in  der  Schweiz  bestehenden  Kantonalverfassungen.
  Sie  stammte  aus  dem  Jahre  1846.

19.  Juni.  (Bern.)  Esxzesse  zwischen  italienischen  und  einheimischen
  Arbeitern,  es  werden  Truppen  aufgeboten  und  viele
Verhaftungen  vorgenommen.  Zahlreiche  Verwundete.

26.  Juli.  Die  Bernische  Regierung  verbietet  das  Tragen
oder  Aufpflanzen  roter  Fahnen  an  oöffentlichen  Orten  im  ganzen
Kanton  Bern  unter  Androhung  von  Gefängnisstrafen  von  8  bis
40  Tagen  oder  Geldbuße  von  100  bis  500  Francs  und  Konfiskation
der  Fahnen.

6.—12.  August.  (Internationaler  Arbeiter-Kongreß
in  Zürich.)  Eröffnung  des  Kongresses  durch  den  Vorsitzenden  des
Grütli-Vereins,  Bürkli-Zürich,  mit  ungefähr  folgenden  Worten: