144 Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Sept. 14.—16.)
Die „Kreuz-Ztg." lehnt den Gedanken eines Zusammengehens mit
den Liberalen ab, da die konservative Partei nicht an der Seite der Atheisten
und Juden in den Kampf für die Religion eintreten könne; sie ist viel
eher einem Bündnis mit dem Zentrum geneigt. In demselben Sinne
äußert sich der „Reichsbote“.
Die „Germania" erklärt, der Kampf für die Religion müsse nicht
mit den Liberalen geführt werden, sondern gegen sie. Die „Deutsche
Reichs-Ztg."“ schreibt, in dem Kampfe für Religion und Ordnung könnten
nur Konservative und Zentrum in Betracht kommen, da diese allein auf
dem Boden des Christentums stünden.
Die mittel parteiliche Presse fordert wie früher energisches legislatorisches
Vorgehen gegen die Sozialisten; so wird namentlich eine Beschränkung
des Vereins- und Versammlungsrechts gefordert. Die
Kreuz-Ztg. nennt dies verächtlich Hilfsmittel zweiten Ranges, die man
sich gefallen lassen könne, von denen man aber nicht viel erwarten dürfe;
ein entschiedeneres Mittel sieht die „Kreuz-Ztg.“ in einem Volksschulgesetz
Zedtlitzschen Geistes.
14./15. September. (Erfurt.) Parteitag der Konservativen
Thüringens.
Die Hauptrede hält Frhr. v. Manteuffel-Crossen: Die konservative
Partei sei seit dem Tivolitage die geschlossenste Partei, geschlossener als
Sozialdemokraten und Zentrum. Die freisinnige Behauptung, die konservative
Partei könne nur eine Regierungspartei sein, sei unrichtig, aber von
einer gewerbsmäßigen oder einer persönlichen Opposition gegen Graf Caprivi
könne keine Rede sein, wie die Geschichte der Heeresverstärkung beweise. Die
kons. Partei suche vor allem die wahrhaft nationalen Elemente, die produktiven
Stände und den Mittelstand zu kräftigen
und sei daher die beste
Stütze einer geordneten Regierung. Frhr. v. Erffa erklärt, die Landwirtschaft
könne allein wirkliche Hilfe bei den Konservativen finden.
Es wird ein Ausschuß gewählt, der in Thüringen für die konservative
Sache wirken soll.
15. September. (Gotha.) Parteitag der freisinnigen Vereinigung
in Thüringen.
Anwesend sind ungefähr 80 Delegierte, darunter die Abgg. Rickert
und Pachnicke. Es werden Resolutionen angenommen gegen die Anwendung
von Ausnahmegesetzen im Kampfe gegen Sozialisten und Anarchisten,
ferner für die Deckung von Mehrausgaben des Reichs durch eine direkte
Reichssteuer, für die Einführung einer einheitlichen Volksschule und deren
staatlichen Charakter.
16. September. (Varzin.) Huldigungsfahrt von ungefähr
2000 Personen aus der Provinz Posen zum Fürsten
Bismarck. Dessen erste Polenrede. Der Führer der Besuchenden,
Landesökonomierat Kennemann verliest eine Adresse, worauf der
Fürst antwortet:
Meine Herren! Zunächst muß ich leider Ihre Nachsicht in Anspruch
nehmen, weil ich seit 2 Tagen von einem unpolitischen Gegner heimgesucht
bin. Man nennt ihn „lumbago“, zu deutsch „Hexenschuß“, ein alter Bekannter
seit 60 Jahren. Ich hoffe ihn zwar in kurzem zu überwinden
und dann wieder nach allen Richtungen hin gerade stehen zu können, einstweilen
aber geniert er mich.